Investitionsschutz durch Offenheit
Open-Source-Software wird nach wie vor noch u.a. eine zu geringe Stabilität und Nutzerfreundlichkeit nachgesagt. Dass dies im industriellen Umfeld aber längst widerlegt wurde, verdeutlicht im Trendteil „Industrial Control" Trumpf-Experte Rainer Thieringer anhand seiner persönlichen Erfahrungen bei der Entwicklung von Steuerungssoftware für Festkörperlaser.
eA: Setzen Sie aktuell Linux-Produkte ein und was sind die Gründe für die entsprechende Entscheidung?
Thieringer: Wir verwenden Linux in der aktuellen Generation von Festkörperlasergeräten der Trumpf Laser GmbH + Co. KG in Schramberg. Linux ermöglicht uns die Konzentration aller Applikationen für Steuerung, Bedienung und Netzwerkintegration auf nur eine zentrale CPU.
eA: Welche technischen und wirtschaft- lichen Vor- bzw. Nachteile bieten Linux- basierte Steuerungssysteme?
Thieringer: Durch die Verwendung von offener Software erreichen wir einen hohen In-vestitionsschutz für unsere Software, da wir kaum Abhängigkeiten von Fremdsoftware haben. Ein Nachteil ergibt sich aus der fehlenden ‚Firma Linux', die bei Problemen in die Verantwortung genommen werden könnte. Dadurch erhöhen sich im Laufe des Projekts die Aufwände für die Problembehebung. Allerdings wird dieser Effekt durch den Wegfall der Lizenzkosten mittelfristig wieder kompensiert.
eA: Wo bestehen hinsichtlich Linux noch Entwicklungsdefizite und wie ordnen Sie es hinsichtlich seiner Funktionalität ein verglichen mit der Windows-„Welt" und den industriellen Echtzeitbetriebssystemen wie VxWorks?
Thieringer: Bei Netzwerkeigenschaften und Echtzeit sehen wir keine Defizite gegenüber anderen Betriebssystemen, im Gegenteil. Entwicklungsbedarf besteht für uns im Bereich Visualisierung: Da wir im Konzern auf eine .Net basierende Visualisierungsumgebung setzen, sind wir unter Linux auf offene Versionen dieses Frameworks angewiesen. Diese hinken der von Microsoft gebotenen Funktionalität immer hinterher.
eA: Welchen Stellenwert bzw. welche Akzeptanz hat der Open-Source-Gedanke generell in Ihrem Umfeld?
Thieringer: Von unseren Kunden erhalten wir – wenn überhaupt – nur positive Rückmeldungen. Die befürchtete Anforderung der IT-Abteilungen nach homogenen Strukturen auch in den Produktionsnetzen hat sich inzwischen überholt, Linux ist als Teilnehmer im Netzwerk akzeptiert. Auch die durch Linux gegebene Möglichkeit der Pflege über Jahrzehnte hinweg wird von unseren Kunden honoriert.
eA: Sind bereits ausreichende Software-Qualität und -Kompatibilität im Open-Source-Bereich sichergestellt, d.h. sehen Sie auch hier eine gewisse Standardisierung?
Thieringer: Durch die neu dazugekommenen Echtzeiteigenschaften im Userspace besteht nur noch sehr selten Bedarf, Applikationen oder Treiber für Automatisierungskomponenten in den Kernelspace zu integrieren. Die APIs im Userspace sind ausgesprochen stabil, sodass es kaum mehr Abhängigkeiten zur Kernelversion gibt. Eigene Applikationen können somit einfach mit anderen Applikationen gemischt werden. Allerdings besteht hier noch Entwicklungsbedarf, bis alle notwendigen Applikationen im Userspace zur Verfügung stehen. Dies gemeinsam zu erreichen, ist eine zentrale Aufgabe des OSADL.
zg
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der experte
· Dipl.-Ing. Rainer Thieringer lei-tet die Entwicklung der Steuerungssoftware für die Festkörperlaser der Trumpf Laser GmbH + Co. KG ( www.trumpf-laser. com ), die zum Geschäftsfeld Lasertechnik der Trumpf-Gruppe ( www.trumpf.com ) mit Hauptsitz in Ditzingen gehört.
eA-INFO-TIPP
Trumpf setzt nicht nur im von Rainer Thieringer verantworteten Bereich auf Linux, sondern auch in der Sensorentwicklung für die Werkzeugmaschinen, in der Software und Steuerungstechnik des Geschäftsfelds Elektronik sowie in der Entwicklung der Operationstische im Geschäftsbereich Medizintechnik. Aktuelles Ingenieurwissen gerade für die Entwicklung und Fertigung von Medizingeräten und -produkten bietet übrigens die neue eA-Schwesterzeitschrift medizin&technik:
