MES und Standards auf dem Vormarsch
elektro Automation: Wie ist der aktuelle Stand der Standardisierung, d.h. welche Kennzahlen sind bereits wie weit spezifiziert?
Schneebauer: Das Technical Comittee der MESA war unter der Führung von Julie Fraser auch heuer wieder sehr fleißig. Die Premiummitglieder erhalten per Internet-Login direkten Zugang zu Kennzahlendokumenten. Darüber hinaus wurde auch auf der letzten MESA Europe Konferenz in Düsseldorf gezielt im Rahmen interaktiver Workshops auf einen firmenübergreifenden Austausch von Standard-Kennzahlen fokussiert. Während in den USA ein Trend besteht, Kennzahlen eher verdichtet und monetär zu halten, ist Deutschland hier mit konkreten formelbasierten Werten voraus – insbesondere der VDMA.
Schnittler: Unter Federführung des VDMA wurden 22 maßgebliche MES-Kennzahlen für die diskrete Fertigung identifiziert, einheitlich definiert und im VDMA-Einheitsblatt 66412-1 veröffentlicht. Darauf basierend wurde ein Kennzahlenwirkmodell für diese Kennzahlen entwickelt das mit dem VDMA Einheitsblatt 66412-2 veröffentlicht wurde. Diese beiden Veröffentlichungen bilden die Grundlage für eine ISO-Norm, welche unter der Bezeichnung ISO-22400 augenblicklich als Entwurf vorliegt. Weiterhin wird derzeit an einem dritten Teil des VDMA-Einheitsblatts 66412 gearbeitet, der sich mit der Herkunft der Daten für die diskreten MES-Kennzahlen befasst.
elektro Automation: In welchen Bereichen sehen Sie derzeit noch Defizite oder Unstimmigkeiten?
Schneebauer: Der Trend zu länderübergreifenden Kennzahlensystemen ist nicht mehr aufzuhalten und gerade durch die Finanzkrise noch beschleunigt worden. Die Defizite sind nicht inhaltlich oder technologisch begründet, sondern liegen im willkürlichen Ausschöpfen von Interpretationsspielräumen. Als Beispiel sei hier der OEE genannt, dessen Formel bei einer von sechs Eingangszahlen gewisse Manipulationsspielräume bietet – nämlich der Soll-Effektivität, die üblicherweise als Zyklus oder Geschindigkeitsvorgabewert definiert wird. Viele Fertiger halten die Stammdaten zu dieser Variable bewusst langsam oder schwach, um dann schneller produzieren zu können als geplant. Dadurch wird der gesamte OEE nach oben gehievt. Ähnliches gilt bei der Nicht-Berücksichtigung von Pausen oder prozessbedingter Ruhephasen. Eine Standardorganisation wie MESA sieht in diesem selektiven Umgang das Kernproblem mit Kennzahlen. Logisch gibt es bei Kennzahlen keine Defizite oder Unstimmigkeiten – es gibt nur „ Anwendungs-Unstimmigkeiten".
Schnittler: Der Bedarf zur Ergänzung der MES-Kennzahlen besteht vor allem noch seitens der Kennzahlen zu kontinuierlichen Fertigungsverfahren. Die diesbezüglichen Arbeiten werden derzeit in der zuständigen Arbeitsgruppe der ISO geleistet.
elektro Automation: Inwieweit werden sich die Standardisierungen auf die Entwicklung und Anwendung von Manufacturing-Execution-Systemen auswirken?
Schneebauer: Die Standardisierungsbemühungen sind sehr wichtig um die Stakeholder positiv für MES zu gewinnen. Beschleunigt werden hierdurch die Meinungsbildungsprozesse mit Betriebsräten, Flexibilisierung der Arbeitszeiten, um in Richtung „atmende Fertigung" zu gehen, sowie Traceability-Anforderungen an die gefertigten Produkte. Letztgenannte Aspekte sind neben den ständig sinkenden Preisen für IPCs und „Ethernetisierung" von Produktionsressourcen die wichtigsten Wachstumstreiber für die zunehmende Anwendung von MES.
Schnittler: Bereits aktuell haben zahlrei- che Anbieter von MES-Lösungen derart reagiert, dass die Kennzahlen gemäß VDMA 66412-1 aus diesen Manufacturing-Execu-tion-Systemen ausgeleitet werden können. Durch die weitere Verbreitung des VDMA-Einheitsblatts sowie durch den entstehenden ISO-Standard erwarten wir, dass sich diese Kennzahlen als grundlegender Standard in der Praxis durchsetzen werden. zg
INFO-TIPP
Detail-Informationen zum beim VDMA (kostenpflichtig) erhältlichen Einheitsblatt 66412 bietet die folgende Wikipedia-Website:
