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Experten-Interview zu energieeffizienten Antriebssystemen

Die Technik ist da, die Akzeptanz steigt

Thomas Becker von Bonfiglioli
Thomas Becker von Bonfiglioli
Marcus Finkbeiner von Baumüller
Marcus Finkbeiner von Baumüller
Andreas Keiger von ABB
Andreas Keiger von ABB
Dr. Edwin Kiel von Lenze
Dr. Edwin Kiel von Lenze
André Loburg von Schneider Electric
André Loburg von Schneider Electric
Jörg Möglich- Hellhund von Lust Antriebstechnik
Jörg Möglich- Hellhund von Lust Antriebstechnik
Karl-Peter Simon von Danfoss
Karl-Peter Simon von Danfoss
Die notwendigen Antriebstechnologien, um Energie sparsam und effizient zu nutzen, sind durchaus schon lange Zeit verfügbar. Welche Sparpotenziale sich erschließen lassen, inwieweit die Qualität der Netzspannung beeinträchtigt werden könnte und wie sich die Akzeptanz energieeffizienter Antriebe in der Praxis entwickelt hat – all dies erläutern zehn Antriebsanbieter im Exper-ten-Interview zu „Drives & Motion" , und zwar ABB, Baumüller, Bonfiglioli, Bosch Rexroth, Danfoss, Lenze, Lust Antriebstechnik, Schneider Electric, SEW-Eurodrive und Siemens.

Die notwendigen Antriebstechnologien, um Energie sparsam und effizient zu nutzen, sind durchaus schon lange Zeit verfügbar. Welche Sparpotenziale sich erschließen lassen, inwieweit die Qualität der Netzspannung beeinträchtigt werden könnte und wie sich die Akzeptanz energieeffizienter Antriebe in der Praxis entwickelt hat – all dies erläutern zehn Antriebsanbieter im Exper-ten-Interview zu „Drives & Motion" , und zwar ABB, Baumüller, Bonfiglioli, Bosch Rexroth, Danfoss, Lenze, Lust Antriebstechnik, Schneider Electric, SEW-Eurodrive und Siemens.

eA: Wie hoch schätzen Sie in den für Sie relevanten Marktsegmenten das Energiesparpotenzial, den Verbreitungsgrad und die Amortisationszeit geregelter Antriebe ein?

Becker: In unseren Marktsegmenten der elektrischen Antriebstechnik sehen wir kurzfristig eine Verdopplung, mittelfristig sogar eine Verdreifachung des Anteils geregelter Antriebe am Gesamtmarkt. Steigende Energiekosten, stetig steigende Attraktivität der Umrichter sowie Optimierungen bei Montage, Inbetriebnahme und Bedienung sorgen für drastische Verkürzung der Amortisationszeit. Mit unserer Topfamilie Active und drei weiteren Umrichterreihen sind wir auf diese Marktentwicklung gut vorbereitet.

Finkbeiner: Durch den Einsatz von Energiesparmotoren und drehzahlgeregelten Antrieben könnten laut ZVEI auf Grundlage der Safe-Berichte der EU zwischen 2000 und 2010 insgesamt 27 Mrd. kWh eingespart werden. Das entspräche einem Volumen von 16 Mio. t an CO2. Hinsichtlich des Verbreitungsgrades gibt es bei Baumüller keinen Schwerpunkt – unsere Antriebe kommen weltweit in allen Branchen des Maschinenbaus zum Einsatz. Die Amortisationszeit beträgt applikationsspezifisch einige Monate bis maximal ein oder zwei Jahre.

Keiger: Wie aus verschiedenen Untersuchungen bekannt ist, sind nahezu nur 5 % aller installierten Elektromotoren geregelt. Das Energiesparpotenzial liegt in den uns zugänglichen Märkten allein bei Pumpen und Lüfteranwendungen jeglicher Art bei mindestens 20 %, bei durchschnittlichen Amortisationszeiten je nach Leistung und Betriebsstunden von 1,5 bis 2 Jahren.

Kiel: Durch den Einsatz von geregelten Antrieben können in vielen Anwendungen leicht 30 bis 60 % des Energieverbrauchs eingespart werden. Gerade die Nebenaggregate in der Produktionsinfrastruktur, die nicht so stark im Fokus stehen wie die Produktionsmaschinen, bieten hier noch ein hohes Potenzial. Hier ist auch die Verbreitung noch nicht so hoch, wie sie sinnvollerweise aus Energie-Effizienzgründen sein kann. Die Amortisationszeiten sind dabei häufig sehr kurz, ein bis drei Jahre sind keine Seltenheit. Es scheitert häufig mehr an der Aufmerksamkeit als an der Wirtschaftlichkeit.

Loburg: Das Energieeinsparpotenzial aus Sicht von Schneider Electric im Marktsegment HLK (Heizung, Lüftung, Klima) liegt derzeit bei ca. 15 %. Durch den Einsatz geregelter Antriebe (Frequenzumrichter wie Altivar 21/61) gegenüber konventionellen Lösungen (Drall- und Drosselklappenregelung) lassen sich ca. 27 Mrd. kWh pro Jahr an Energie einsparen. Sehr viele geregelte Antriebe haben dabei eine Amortisationszeit von weniger als einem Jahr, wobei diese Größe von der Betriebszeit und dem Volumenbedarf abhängt.

Möglich-Hellhund: Die Anzahl von geregelten Antrieben in den Zielsegmenten von Lust Antriebstechnik ist sehr unterschiedlich. In der Medizintechnik wird z.B. fast jeder Antrieb geregelt betrieben, die Motivation der Anwender liegt hierbei aber in der Funktionalität. Im Anwenderfeld von Pumpen- und Verdichterantrieben gibt es eine deutliche Steigerung. Hier sind, abhängig von der Anwendung, Amortisationszeiten von unter einem Jahr erreichbar. Leider sind solche Lösungen in den Ausschreibungen der Anlagenbetreiber noch zu selten angefragt.

Simon: In Deutschland wird etwa die Hälfte der elektrischen Energie (ca. 240 TWh/a) für die Industrie benötigt, davon ca. 65 % durch rd. 30 Mio. Motoren. Nur jeder achte ist drehzahlgeregelt. Allein bei Pumpenantrieben könnten durch Drehzahlregelung pro Jahr ca. 15 Mrd. kWh oder 1,2 Mrd. Euro eingespart werden. Insgesamt ist davon auszugehen, dass geeignete Energie-Effizienzmaßnahmen den Energiebedarf um ca. 30 % reduzieren. Bezogen auf alle europäischen Staaten (EU 25) würde dies eine Energieeinsparung von 45 GW bedeuten, entsprechend 30 Kernkraftwerken (1300 MW) oder 130 fossilen Kraftwerken (350 MW).

Steffan: In Europa liegt der Verbreitungsgrad geregelter Antriebe in den klassischen Rexroth-Servobranchen bereits bei 90 bis 100 %. Aber auch hier gibt es noch Sparpotenziale durch rückspeisefähige Versorgungskonzepte oder den Einsatz von Synchron- anstelle von Asynchronmotoren. Die Amortisationszeiten für rückspeisefähige Versorgungskonzepte sind je nach Anwendung (u.a. Betriebsart oder installierte Leistung) unterschiedlich. Bei häufigem Wechsel zwischen motorischem und generatorischem Betrieb dürften sie bei ein bis drei Jahren liegen. Größeres Potenzial (in der Spitze zwischen 70 und 90 %) bieten Anwendungen mit ungeregelt betriebenen Komponenten wie Pumpen oder Lüfter, z.B. in der Gebäudeautomatisierung.

Wieder: Den Anteil der drehzahlveränderbaren Drehstrom-Antriebe über Frequenzumrichter sehen wir heute bei ca. 30 %, wobei dieser Anteil in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist und auch weiter steigen wird. Applikationsspezifisch sehen wir Einsparpotenziale zwischen 5 und 20 % im Vergleich zu einer bisherigen Lösung. Die Breite dieser Einsparpotenziale hängt sehr stark von den eingesetzten Komponenten und Technologien ab. Beim Einsatz solcher energiesparender Komponenten bzw. Technologien sehen wir eine Amortisierungszeit, die sich deutlich unter 18 Monate entwickeln wird.

Zwanziger: Das Einsparpotenzial an Energie pro Antrieb beträgt zwischen 40 und 60 %. Dabei amortisiert sich eine Investition in energieeffiziente Systeme in einem kurzen Zeitraum von unter zwei Jahren. Der Fokus liegt hier auf den Ersatz von nicht geregelten Antrieben in Nebenprozessen. In Deutschland sind nach Verbandserhebungen bis zu 40 Mio. drehzahlgeregelte Antriebe installiert. Das zeigt auch, dass in Neuanlagen und den Kernprozessen bestehender Anlagen drehzahlgeregelte Antriebe auf große Akzeptanz stoßen. Das allerdings nicht nur vor dem Hintergrund der Energie-Effizienz, sondern auch wegen der Prozessflexibilität und Steuerbarkeit in der Fertigung.

eA: Woran scheiterte bislang der vermehrte Einsatz in diesen Sparten? Ist hier aktuell eine größere Akzeptanz der Anwender zu spüren?

Becker: Im Wettbewerb der Maschinenbauer untereinander spielt noch immer der Maschinenpreis an sich die entscheidende Rolle. Ganz langsam scheint sich hier ein Umdenkungsprozess durchzusetzen, nämlich dass die „Total Cost of Ownership" den Maschinenpreis als Entscheidungsgrundlage für die Maschinenkäufer ablösen. Diese Sichtweise, die eben auch die Kosten des Betriebs mit in Betracht zieht, ist entscheidend dafür, dass Energiesparen überhaupt ein Thema geworden ist.

Finkbeiner: Der vermehrte Einsatz scheitert bisher klar am höheren Einstiegspreis, da der Kaufentscheid meist ausschließlich aufgrund der Anschaffungskosten fällt. Auf europäischer und deutscher Ebene sind verstärkte politische Aktivitäten hinsichtlich Energie- Effizienz zu beobachten. Dadurch wird sich auch der Druck auf OEMs und Endkunden erhöhen, verstärkt Lebenszykluskosten bzw. Energiekosten in die Kaufentscheidung von Maschinen und Anlagen einzubeziehen. In letzter Zeit beobachten wir eine zunehmende Sensibilisierung für das Thema; die Nachfrage an energieeffizienten Antrieben nimmt langsam aber stetig zu.

Keiger: Viele Einkäufer betrachten beim Kauf nur die höheren Anschaffungskosten geregelter Antriebe, ohne diesen die deutlich niedrigeren Lifecycle-Kosten gegenüberzustellen. Wir stellen aber fest, dass die Akzeptanz steigt, nicht zuletzt aufgrund hoher Energiepreise sowie des zunehmenden politischen und öffentlichen Drucks in Zusammenhang mit der Klimadiskussion. Die Faktoren „ niedrigere Betriebskosten" und „günstigere CO2-Bilanz" können in Zukunft sicher stärker als Verkaufsvorteil genutzt werden.

Kiel: Natürlich spürt man, dass die aktuelle Diskussion über den Klimawandel das Bewusstsein prägt, und bestimmt haben auch die Wetterkapriolen der letzten Monate ihren Teil hierzu beigetragen. Wenn dann auch noch bewusst wird, dass es eigentlich eine Win-Win-Situation ist – heute investieren, um morgen zu sparen, und das alles bei gutem Umweltgewissen –, dann steigert dieses schon die Akzeptanz für Energiespar-technologie. Die Produkte sind ja da, sie müssen nur vermehrt eingesetzt werden.

Loburg: Viele Anlagenbetreiber sahen in der Vergangenheit nur den Anschaffungspreis und nicht die Lebenszykluskosten. Gerade durch die in den letzen Jahren entfachten Diskussionen über Klimaschutz, CO2-Ausstoß und Kyoto-Protokoll sowie den darauf resultierenden Energiezertifikaten ist nun aber eine deutliche Akzeptanz bei Anlagenbetreibern und Auftraggebern von HLK-Anlagen zu spüren. Dies wird unterstützt durch steigende Energiekosten und wachsende Sensibilisierung der Bevölkerung. Selbst in der USA gibt es weitreichende Bestimmungen (Energie Policy Act von 2005), die bei Neuinvestitionen im Gebäudebereich, energiesparende Techniken zwingend vorschreiben bzw. den Energieverbrauch von 2006 bis 2015 jährlich um 2 % senken sollen.

Möglich-Hellhund: In vielen Branchen wird das Thema Energie-Effizienz, gerade in den letzten beiden Jahren, verstärkt diskutiert. Anwender und Anlagenbauer sehen diese Themen aber oft nur unter dem Mehrkostenaspekt bei der Anschaffung. Die Kosten während der Betriebsdauer eines Antriebs werden zwar mit bedacht, haben aber eine zu kleine Bedeutung bei der Anschaffungsentscheidung. Neue Richtlinien und gestiegene Energiekosten haben aber schon Wirkung gezeigt.

Simon: Bisher wurden Drehzahlregelungen meist nur dort eingesetzt, wo es als vorteilhaft galt, Prozesse optimal regeln zu können. Nun wandelt sich dieses Bild aber zunehmend, nicht zuletzt auch durch stark gestiegene und weiter steigende Energiepreise. Bisher waren aufgrund der relativ niedrigen Energiekosten jedoch die Return-on-Investment Zeiten (ROI) für Investitionen in energiesparende und damit umweltschonende Drehzahlregelung oft zu lang.

Steffan: Eine Rolle spielen sicher die höheren Initialkosten beim Einsatz geregelter Antriebe, die sich bei niedrigen Energiepreisen erst langsam amortisieren. Außerdem ist nicht überall die Infrastruktur für den Einsatz geregelter Antriebe vorhanden (z.B. Güte des Versorgungsnetzes, Installationsumfeld/Umweltbedingungen, Know-how). Die Akzeptanz steigt derzeit durch anziehende Energiepreise, politischen Druck und insbesondere auch durch Anforderungen des Endanwenders, der Leistung bedarfsabhängig regeln will.

Wieder: Der Haupthinderungsgrund für den Einsatz dieser Energiesparprodukte sind die Mehrkosten bei der Beschaffung. Auch der Mehraufwand bei Installation bzw. bei Gerätevolumen ist als Grund zu nennen. Die Akzeptanz bei den Anwendern (Endkunden) ist seit den letzten zwei Jahren deutlich zu vermerken. Auch die generellen Diskussionen bezüglich TCO/LCC bringen bei dem Punkt Energieverbrauch eine steigende Akzeptanz. Auch die Anlagenbauer (OEMs) erkennen, dass das Thema Energiesparen beim Endkunden (Betreiber) ein Differenzierungsmerkmal unter Wettbewerbern sein kann.

Zwanziger: Energiesparen muss in den Anwenderbetrieben zur Chefsache werden. Derzeit werden bei der Beschaffung von Maschinen und Anlagen die Kosten vor allem mit Blick auf die Investition bewertet. Der Ansatz, Lebenszyklen zu betrachten und die gesamten Betriebskosten, also auch die verbrauchte Energie, mit in die Rechnung einzubeziehen, ist noch zu wenig verbreitet. Hier muss ein Bewusstseinswandel stattfinden. Dazu müssen sowohl die Automatisierungspartner, aber auch die Maschinenhersteller beitragen. Denn im Einsatz der richtigen und energieeffizienten Antriebstechnik liegen erhebliche Produktivitätspotenziale, die schnell gehoben werden können. Die Technologien sind verfügbar.

eA: Wenn das gewaltige Energiesparpotenzial durch geregelte Antriebe tatsächlich ausgeschöpft werden sollte, würde sich dies in nennenswertem Maße negativ auf die Spannungsqualität der Netzversorgung auswirken?

Becker: Unseres Erachtens nicht. Mit unserer Produktlinie Bonfiglioli Vectron haben wir jahrzehntelange Erfahrung mit Fre-quenzumrichtern und auch mit Netzrückspeiseeinheiten – übrigens mit Geräteleistungen von bis 800 kW. Mit dieser Erfahrung und dem fundierten Know-how im Rücken können wir unsere Kunden bestens informieren und auch mit den geeigneten Produkten beliefern, sodass auch bei erhöhtem Einsatz von Antriebselektronik keine negativen Auswirkungen zu erwarten sind. Wenn auf gute Umrichterperipherie geachtet wird, wie Filter und Drosseln, dann sollte das auch generell so sein.

Finkbeiner: In diesem Fall ist mit einer verstärkten Bildung der dritten, fünften, siebten und elften harmonischen Oberwelle zu rechnen. Damit wird die Spannung der Netzversorgung rechteckiger. Die Energieversorgungsunternehmen müssen sich durch die vermehrte Einführung von Kompensationsmaßnahmen entsprechend darauf einstellen.

Keiger: Nicht zwangsläufig. ABB hat entsprechende Lösungen für niedrige Netz-Oberschwingungen im Programm. Die Low Harmonic Drives stellen beispielsweise eine einfache und elegante Lösung dar, um Oberschwingungsprobleme zu vermeiden. Alle notwendigen Komponenten sind in die Geräte integriert. Das Oberschwingungsverhalten des Schrankgeräts ist dabei besser als bei 12- und 18-Puls-Lösungen. Ein weiterer Vorteil der Low Harmonic Drives ist der Betrieb mit Leistungsfaktor 1.

Kiel: Nicht geregelt betriebene Motoren sind ja auch keine Engel, wenn man an den Blindleistungsbedarf denkt. Es gibt genügend technische Möglichkeiten, den vermehrten Einsatz von geregelten Antrieben ohne negative Auswirkungen auf die Netzqualität zu gestalten.

Loburg: Geregelte Antriebe erzeugen auf der Einspeiseseite Oberwellen, die eine Verformungen der Netzversorgung bei Strom und Spannung, dem sogenannten THD-Wert zur Folge haben. Hier kann durch geeignete Maßnahmen der Einfluss deutlich reduziert werden. So ist z.B. bei Verwendung von 3-phasig eingespeisten Umrichtersystemen der THD-Wert deutlich niedriger als bei 1-phasig gesteuerten. Intelligente Technik bzw. Ansteuerverfahren von Umrichtern, z.B. realisiert beim Altivar 21 aus dem Hause Schneider Electric, reduzieren die Harmonischen auf ca. 35 % und damit deutlich unter den im Gebäudebereich geforderten Wert von 48 %. Durch den Einsatz dieser Low-Harmonic-Technologie wird dieser Wert erreicht; eine zusätzliche, sonst übliche Drossel entfällt, wodurch Kosten reduziert werden.

Möglich-Hellhund: Wenn wir einmal soweit sind, werden wir sicher einen deutlichen Einfluss durch den Oberwellengehalt der Antriebe im Netz haben. Hierzu müssen dann vorher neue Regelungen für die zulässigen Werte und deren Grenzwerte getroffen werden. Schön, dass solche Fragen aufkommen. Es zeigt uns, dass der Umgang mit den Energie-Ressourcen an Stellenwert gewinnt.

Simon: Die Antwort muss an dieser Stelle eindeutig „Ja, aber nur in begrenztem Umfang" lauten. Beeinträchtigungen entstehen durch Oberschwingungen, die durch die nichtlineare Stromaufnahme von Verbrauchern verursacht werden. Grund sind die Eingangs-Gleichrichterschaltungen, wie sie Frequenzumrichter nutzen. In einfacherer Bauform und mit wesentlich stärkerer Störauswirkung kommen diese in Energiesparlampen, PCs, Monitoren, Batterieladegeräten usw. vor.

Steffan: Rexroth-Antriebe speisen Energie nicht block-, sondern sinusförmig zurück ins Netz. Die Auswirkungen auf die Netzgüte bleiben damit gering. Verantwortlich für die Erhaltung der Netzgüte sind allerdings die Energieversorgungsunternehmen. In Europa sind Netze typischerweise für den Umrichtereinsatz geeignet. In weniger industrialisierten Regionen steht der Ausbau der Netzinfrastruktur für flächendeckenden Umrichtereinsatz noch aus.

Wieder: Nein, die geforderten gesetzlichen Bestimmungen im Rahmen der EMV-Richtlinien müssen auch bei energiesparenden Produkten eingehalten werden. Auch neue Gerätetechnologien zur Energieeinsparung bieten hier entsprechende Möglichkeiten.

Zwanziger: Der richtige Einsatz energieeffizienter Antriebstechnik kann sogar die Netzqualität verbessern. Rückspeisefähige Umrichter können z.B. auch die 5. Oberschwingung abmildern. Siemens bietet unterschiedliche Rückspeisekonzepte in der Antriebsreihe Sinamics. Die Standardlösung ist Smart Infeed. Ungeregelte Ein-/Rückspeiseeinheiten in IGBT-Technik speisen hier die Bremsenergie zurück ins Netz. Dank IGBT-Technik sind die Umrichter bei Netzeinbrüchen deutlich robuster als bei herkömmlicher Thyristortechnik. Liegt das Augenmerk zudem auf dem Ausregeln von Netzeinbrüchen für die Antriebe oder muss die Qualität des rückge-speisten Stroms besonders hoch sein, eig- net sich die Active-Infeed-Technologie.

eA: Wann macht der – zukünftig auch durch die Norm IEC 60034 geforderte – Einsatz von Energiesparmotoren wirklich Sinn und wie schnell amortisieren sich dann die höheren Kosten?

Becker: Der Einsatz von Energiesparmotoren macht nur dann Sinn, wenn er mit Konstanz betrieben wird, also im S1- oder Dauerbetrieb oder im Pulsbetrieb mit kurzen Stillstandzeiten. Bei anderen Fällen ist das Energiesparpotenzial nicht abrufbar, ein Energiesparmotor zu teuer, zu schwer, zu groß, zu wenig dynamisch. Der Energiesparmotor muss also – am besten in Verbindung mit einem Frequenzumrichter – die Möglichkeit haben, in der Applikation auch wirklich Energie zu sparen. Nur dann können sich die höheren Kosten überhaupt erst amortisieren. In welchem Zeitraum, das entscheidet der Anspruch des Maschinennutzers.

Finkbeiner: Der Einsatz von Energiesparmotoren ist generell in allen Bereichen sinnvoll. Abhängig von der jeweiligen Applika-tion haben sich die höheren Anschaffungskosten schon nach kurzer Zeit amortisiert. Bei Maschinen im Dauerbetrieb liegt der Zeitraum in der Regel nur bei einigen Monaten. Die Amortisationszeit ist dann am kürzesten, wenn der Prozess durch die Drehzahlregelung des Motors erfolgt und die Regelung nicht nachgelagert mechanisch ausgeführt wird.

Keiger: Motoren mit hohem Wirkungsgrad sind bei kleinen Baugrößen um 15 bis 20 % und bei den großen Baugrößen um 5 bis 7 % teurer als Standardmotoren. Die höheren Kosten amortisieren sich durch den geringeren Energieverbrauch aber schnell, oftmals schon nach ein, zwei Jahren. Die verbesserte Energie-Effizienz wirkt sich entscheidend auf die laufenden Kosten aus. Beispielsweise kann ein 90-kW-Motor mit einem Wirkungsgrad von 95 % nahezu 20 000 Euro während seiner Lebensdauer einsparen.

Kiel: Der Einsatz von Energiesparmotoren ist sinnvoll, wenn diese sehr lange bei hoher Last laufen. Wird ein Motor nur kurze Zeiten eingeschaltet, dann rechnen sich die Mehrkosten in der Regel nicht. Auch bei Anwendungen, die unterschiedliche Lasten haben, und hierzu zählen in der Regel Pumpen und Lüfter, ist der Einsatz eines geregelten Antriebs immer zu bevorzugen, weil dieser viel besser den Arbeitspunkt des Motors an den tatsächlichen Bedarf anpassen kann. Über einen Umrichter können eben beide Komponenten, aus denen sich die Leistung zusammensetzt, nämlich die Drehzahl und das Drehmoment, variiert werden. Der Motor selbst ohne Umrichter kann nur das Dreh-moment variieren, und dies dann im Teillastbetrieb mit eher schlechten Wirkungsgraden.

Loburg: Mit dem Einsatz von Energiesparmotoren erhöht sich der Wirkungsgrad der Motoren von ca. 94 auf 98 %, bei einem Mehrpreis von ca. 15 %. Bei der alleinigen Betrachtung des Motors ist die Wirkungsgradsteigerung sehr wohl messbar und relevant. Die Einsparung und Amortisierung ist direkt mit der Applikation und der Betriebszeit verknüpft. Bei einer gesamtheitlichen Betrachtung des Antriebsstrangs von der Elektrotechnik bis zum mechanischen Abgang sieht das Ergebnis ganz anders aus; es sind deutlich höhere Einsparpotenziale vorhanden. Denn Motoren treiben Anlagen an wie Pumpen- oder Lüftungsanlagen. Hier zeigt sich, dass ein wesentlich größeres Energiesparpotenzial durch den Einsatz geregelter Antriebe möglich ist. Um dieses Potenzial dem Nutzer aufzuzeigen, hat Schneider Electric das kostenlos downloadbare Softwaretool „ECO8" entwickelt.

Möglich-Hellhund: Mit sogenannten Energiesparmotoren ist der erste Schritt für viele gesteuerte Anwendungen in Richtung Energieeinsparung gemacht. Sehr viele Applikationen lassen sich durch zugeschnittene Motoren, bei Verwendung neuer Motortechnologien mit deutlich höheren Energieeinsparpotenzialen realisieren. So hat Lust Antriebstechnik in den letzten Jahren einige Projekte erfolgreich durchgeführt, in denen die Gesamtwirkungsgrade im zweistelligen Prozentbereich gesteigert werden konnten.

Simon: Der Nutzen von Energiesparmotoren hängt sehr stark von der Anlagenauslastung ab. Betrachtet man beispielsweise Kälte- oder Lüftungsanlagen, die auf die maximale Leistung ausgelegt sind, aber meist nur im Teillastbetrieb arbeiten, so ist der Einsatz dieser Motoren nur bedingt sinnvoll. Denn die größere Verschwendung von Energie entsteht in diesen Anlagen durch den nicht optimalen Betriebspunkt. Und um diesem entgegenzuwirken, ist der Einsatz eines Frequenzumrichters die wesentlich effektivere Lösung.

Steffan: Richtig sinnvoll ist er nur im kombinierten Einsatz mit geregelten Antrieben, wobei diese der eigentliche Schlüssel zum Erfolg sind.

Wieder: Der größte Nutzen beim Einsatz von Energiesparmotoren kann erzielt werden, wenn der Motor kontinuierlich im Dauerbetrieb läuft. Bei dieser optimalen Betriebsart und abhängig von der Motorgröße können die höheren Kosten innerhalb von Monaten amortisiert werden. Zukünftig sehen wir im Bereich mechatronischer System (= Integration von Getriebe, Motor und Elektronik, z.B. Movigear) noch höhere Einsparpotenziale als beim Energiesparmotor.

Zwanziger: Die Norm fordert gar nicht den Einsatz der Energiesparmotoren, sondern spezifiziert lediglich deren Wirkungsgradkennwerte.

zg

ABB eA 442

Baumüller eA 443

Bonfiglioli eA 444

Bosch Rexroth eA 445

Danfoss eA 446

Lenze eA 447

Lust Antriebstechnik eA 448

Schneider Electric eA 449

SEW-Eurodrive eA 450

Siemens eA 451

eA-INFO-TIPP

Wie sich die energieeffizienten Antriebe in der Praxis einsetzen lassen und welche Vorteile sich ganz konkret ergeben, zeigt die Titelstory dieser Ausgabe der elektro Automation. Hier beschreibt Michael Orant von Mitsubishi Electric den Einsatz speziell für Pumpen und Lüfter konzipierter Frequenzumrichter in einer Anlage zur Sickerwasserbehandlung:

· siehe Seite 36

die experten

· Thomas Becker, Geschäftsführer der Bonfiglioli Deutschland GmbH in Dormagen (www.bonfiglioli.de)

· Marcus Finkbeiner, Leiter technischer Vertrieb der Baumüller Nürnberg GmbH in Nürnberg (www.baumueller.de)

· Andreas Keiger, Vertriebsleiter LV Motors & Drives der ABB Automation Products GmbH in Ladenburg (www.abb.de/motors&drives)

· Dr. Edwin Kiel, Leiter Bereich Innovation der Lenze AG in Hameln (www.lenze.de)

· André Loburg, Offermanager Antriebstechnik der Schneider Electric GmbH in Ratingen (www.schneider-electric.de)

· Jörg Möglich-Hellhund, Key Account Manager der Lust Antriebstechnik GmbH in Lahnau (www.lust-tec.de)

· Karl-Peter Simon, Vice President Sales CER der Danfoss GmbH VLT Antriebstechnik in Offenbach (www.danfoss.de/vlt)

· Dr. Roland Steffan, Leiter Produktmanagement Antriebe im Geschäftsbereich Drives and Controls der Bosch Rexroth AG in Lohr (www.boschrexroth.com)

· Claus Wieder, Leiter Marketing & Engineering Geared Motors and AC Drives der SEW-Euro-drive GmbH & Co KG in Bruchsal (www.sew-eurodrive.de)

· Dr. Peter Zwanziger, Vice President Large Drives im Siemens-Bereich Automation and Drives (A&D) in Nürnberg (www.siemens.de/automation)

11.07.2007


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