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Burkhard Düllo von TR-Electronic
Seit einiger Zeit sind Drehgeber verfügbar, die die Anforderungen der neuen Maschinenrichtlinie erfüllen sollen und gemäß der Normen ISO 13849 (PLe) bzw. IEC62061 (SIL3) zertifiziert sind. Maschinen- und Anlagenbauern ist es damit möglich, die bisher übliche Praxis der redundanten Auslegung von Sensorkomponenten im Antrieb zu vereinfachen. Doch welche Sicherheitsfunktionen sollten moderne Drehgeber heute in der Praxis tatsächlich erfüllen und wann ist der Einsatz von SIL3-/Ple-Drehgebern sinnvoll? Dazu äußern sich sechs Experten im aktuellen Trendinterview.
Burkhard Düllo von TR-Electronic
Experten-Interview zu den Sicherheitsfunktionen moderner Drehgeber

Den Bedarf im Einzelfall prüfen

Arnold Hettich von Kübler
Arnold Hettich von Kübler
Rudolf Huber von Pepperl+Fuchs
Rudolf Huber von Pepperl+Fuchs
Daniel Kleiner von Baumer
Daniel Kleiner von Baumer
Heiko Krebs von Sick
Heiko Krebs von Sick
Robert Wachendorff von Wachendorff
Robert Wachendorff von Wachendorff

elektro Automation: Wie sehen Sie den Bedarf bei sicheren Drehgebern im Vergleich zu Standard-Typen und worin liegt dieser Bedarf begründet?

Düllo: Sicher werden standardisierte oder nur nach geringer Sicherheitsstufe geprüfte Drehgeber weiterhin die Mehrheit der eingesetzten Geräte bilden. Je weiter jedoch die Maschinenrichtlinie in den verschiedenen Industrien zur Anwendung kommt, desto mehr werden zertifizierte Geräte gefordert. Es bleibt dabei abzuwarten, wie sich zertifizierte Komponenten gegenüber eigenen Konstruktionen aus nicht bzw. geringer zertifizierten Bauteilen durchsetzen. Das ist sicher eine Frage von verfügbaren Schnittstellen und Ausführungen.

Hettich: Maschinen und Anlagen sind mit einer Vielzahl von drehzahl- oder positionsgeregelten Antrieben ausgestattet. Diese Bewegungen zeichnen sich teilweise durch ein erhebliches Gefährdungspotenzial aus, vor dem der Anwender zu schützen ist. Mit höherwertigen Sicherheitsfunktionen ist es sogar möglich, dass sich Menschen im laufenden Betrieb im Anlagenbereich aufhalten, was die Stillstandszeiten wiederum reduziert. Drehgeber für funktionale Sicherheit sorgen dabei für hohe Effizienz. Mit unseren für SIL3- bzw. PLe-zertifizierten Drehgebern kann der Anwender sich darauf verlassen, dass er auch die Gesamtapplikation ohne Probleme sicherheitstechnisch abgenommen bekommt, ohne irgendeinen Zusatzaufwand, was die Drehgeber betrifft.

Huber: Die Nachfrage wächst zunehmend, denn zertifizierte Safety-Drehgeber ermöglichen eine viel einfachere Einbindung und Berechnung der Sicherheitskette. Der resultierende Safety Performance Level kann bei der Verwendung von zertifizierten Komponenten sehr einfach nachgewiesen werden, und diese Lösungen werden von den Prüfinstituten auch problemlos anerkannt. In vielen Applikationen kann auch bei höchsten Sicherheitsanforderungen die sonst übliche redundante Gebersensorik ersetzt werden durch die Verwendung eines einzigen Safety-Drehgebers pro Antriebsachse. Dies bietet mehr Wirtschaftlichkeit sowie eine einfachere Installation und Wartung.

Kleiner: Die Debatte um die neue Maschinenrichtlinie 2006/42/EG, die nach einer Übergangszeit seit Dezember 2009 verbindlich anzuwenden ist, hat bei allen Experten und Anwendern das Bewusstsein für die Risikobeurteilung und -minimierung geschärft. Wir rechnen daher damit, dass sich der Bedarf an SIL2- und SIL3-zertifizierten Drehgebern in den nächsten drei bis fünf Jahren durchaus vervielfachen kann. Momentan ist der Anteil noch gering, auch weil weiterhin konservative Lösungen aus den ersten Tagen der neuen Maschinenrichtlinie etabliert sind.

Krebs: Der Bedarf an sicheren Drehgebern im Vergleich zu Standard-Typen ist trotz einer positiven Marktentwicklung nach wie vor auf einen einstelligen Prozentsatz zu beziffern. Die positive Marktentwicklung ist insbesondere auf veränderte Kundenanforderungen in der Automatisierungs-Branche zurückzuführen, beispielsweise ist hier die zunehmende Interaktion von Mensch und Maschine zu nennen. Verstärkt wird diese Entwicklung durch verschärfte Sicherheitsanforderungen, welche durch die neue Maschinenrichtlinie (2006/42/EG) sowie die IEC 62061 weiterhin an Bedeutung gewinnen.

Wachendorff: Seit vielen Jahren beobachten wir den Markt bezüglich sicherer Geber. In den Märkten, in denen wir uns bewegen, ist sehr großes grundsätzliches Interesse vorhanden, allerdings ist der konkrete Bedarf, der an uns herangetragen wird, momentan sehr gering. Nach unserer Einschätzung wird der Bedarf zukünftig allerdings wachsen. Kunden setzten einen sicheren Geber nur dann ein, wenn sie ihn tatsächlich benötigen, da nicht nur die Stückkosten des Gerätes deutlich höher sind als bei einem Standardgerät, sondern auch die Umgebung, z.B. die Kommunikation und Steuerung, höhere Kosten in der Maschine oder Anlage verursachen.

elektro Automation: Wie sieht Ihr An- gebotsspektrum für Drehgeber aus, welche Technologien bieten Sie bzw. werden Sie demnächst auch SIL3-/PLe- Drehgeber anbieten?

Düllo: TR-Electronic bietet seit 2009 zertifizierte absolute Multiturn-Drehgeber mit dem Komponentenstandard SIL3/PLe an. Dabei unterstützen wir aktuelle Feldbus- und Industrial-Ethernet-Lösungen (Profisafe über Profibus und Profinet, Safety over Ethercat). Die Überwachung ist im Gerät integriert. Der zertifizierte Bus stellt gesicherte Positions- und Geschwindigkeitswerte direkt zur Verfügung. Alternativ werden zwei Positionswerte auf zwei unabhängigen SSI-Schnittstellen mit Prüfsumme übertragen. Damit steht der Sicherheitsstandard von TR auch dort zur Verfügung, wo sichere Feldbusse und Industrial-Ethernet noch nicht verwendet werden. Für explosionsgefährdete Bereiche gibt es auch Atex-konforme Versionen.

Hettich: Kübler hat sowohl inkrementale als auch absolute Drehgeber in Singleturn- oder Multiturn-Ausführung im Programm. Diese sind sowohl mit optischer als auch magnetischer Sensorik verfügbar. Hier gibt es keine bessere oder schlechtere Technologie. Da wir verschiedene Technologien anbieten, können wir jedem Kunden die optimale Lösung für seine Applikation zur Verfügung stellen. Unsere für SIL3- bzw. PLe-Applikationen zugelassene Drehgeber, basierend auf den Baureihen Sendix Inkremental und Sendix Absolut, werden bereits seit geraumer Zeit in sicherheitskritischen Applikationen eingesetzt. Unsere Kunden bestätigen uns, dass damit ein hohes Maß an Sicherheit gewährleistet ist.

Huber: Unsere Safety-Palette wird stetig ausgebaut und ein entsprechendes Auswertegerät wurde mit ins Programm aufgenommen. So können wir jetzt Komplettlösungen zur Stillstands- und Geschwindigkeitsüberwachung anbieten. Unser SIL3-Motorfeedbackgeber hat eine bis 115°C temperaturfeste Elektronik sowie eine zusätzliche Absolutspur, die z.B. für die Startkommutierung der Synchronmotoren verwendet wird und über SSI- oder BiSS-Protokoll den Wert ausgibt. Ein absoluter Anbaugeber mit SIL3/PLe-Zertifikat fehlt auch nicht; z.B. mit Canopen-Safety-Interface.

Kleiner: Sicherheit spielt bei Baumer eine entscheidende Rolle. Kein Wunder also, dass der erste absolute Drehgeber mit SIL3-Zulassung bereits 2006 von uns entwickelt wurde. Seither hat sich unser SIL-Programm auch um inkrementale Drehgeber mit Zusatzausgang erweitert, sodass jetzt die unterschiedlichsten Einsatzbereiche abgedeckt werden, zum Beispiel auch klassische Heavy-Duty-Anwendungen wie Krananlagen, Hebezeuge oder Elektrohängebahnen. Spezialprodukte in Form von kundenspezifischen Drehgeberlösungen haben hierbei ebenfalls einen festen Platz in der Palette der funktional sicheren Geräte. Unser Angebot wird sich in den nächsten Jahren an den gestiegenen Markterfordernissen orientieren und entsprechend weiterentwickeln, beispielsweise im Bereich der Sicherheits-Bussysteme. Zurzeit ist unser optischer Multiturn mit zwei redundanten Schnittstellen und SIL3- bzw. PLe-Zertifizierung für höchste Anforderungen erste Wahl.

Krebs: Sick als kompetenten Partner in der Maschinensicherheit bietet seinen Kunden ein umfangreiches Sicherheitsportfolio. Das Angebot reicht von einzelnen Sicherheitskomponenten und Dienstleistungen bis hin zu kompletten Lösungen, individuell auf die Bedürfnisse der Kunden abgestimmt. Das Produktportfolio von Sick beinhaltet mit Blick auf die Antriebshersteller schon seit geraumer Zeit Motorfeedback-Systeme mit SIL2/PLd-Klassifizierung. In Verbindung mit der Neuentwicklung Hiperface DSL sind nun auch die Möglichkeiten für SIL3/PLe gegeben. Stand-Alone-Anwendungen werden heute durch Gesamtpakete abgebildet. Diese beinhalten einen Sicherheitscontroller bzw. einen sicheren Drehzahlwächter und zwei Standarddrehgeber in zweikanaliger Struktur. Somit lassen sich Anwendungen bis SIL2/PLd bzw. in diversitärer Ausführung sogar bis SIL3/PLe realisieren. Ferner wird durch eine zweikanalige Struktur, mit zwei Drehgebern, die Möglichkeit von mechanischen Fehlern ausgeschlossen.

Wachendorff: Der Markt für sichere Geber ist für uns interessant, hat aber nicht erste Priorität. Wir haben in den letzten zwei Jahren unseren Entwicklungsprozess, unsere Fertigung und deren Dokumentation an die Anforderungen der entsprechenden Normen angepasst, um z.B. die lückenlose Rückverfolgbarkeit eines Gerätes zu gewährleisten. Konzepte und grundsätzliche Lösungen mit unseren Drehgebern für Anwendungen in den Bereichen SIL2/PLd und SIL3/PLe sind zwar in der Schublade, befinden sich aber im Moment nicht auf unserer kurzfristigen Road-Map.

elektro Automation: Wie haben Sie die Anforderungen der Normen ISO 13849 und IEC62061 erfüllt bzw. wie die Lösung technisch realisiert?

Düllo: Die SIL3/PLe-zertifizierten Drehgeber von TR-Electronic nutzen zwei unabhängige Abtastungen, die einmal optisch und einmal magnetisch eine echte Multiturn-Position ermitteln. Damit ist die Erfassung redundant und diversitär. Bei Feldbus/Ethernet-Drehgebern werden die zwei Positionswerte intern verglichen und daraus ein gesicherter Positions- und Geschwindigkeitswert ermittelt. Zur Sicherung der Parameter sind die SIL-Drehgeber nicht programmierbar; für den Preset (Verschiebung der Ausgabe) ist ein gesichertes Verfahren vorgesehen. Für die Übertragung werden die bereits selbst zertifizierten Übertragungstechniken Profisafe bzw. Safety over Ethercat verwendet.

Hettich: Wir haben, basierend auf unserer für besondere Robustheit bekannten Sendix-Baureihe, auch die Drehgeberfamilie für funktionale Sicherheit realisiert. In Zusammenarbeit mit dem IFA (Institut für Arbeitsschutz) haben wir unsere Drehgeber analysiert, optimiert und abschließend auch von diesem zertifizieren lassen. Das heisst, Kübler bietet zertifizierte Sicherheit, was die genannten Normen angeht. Da der Drehgeber alleine aber nicht die Sicherheit garantieren kann, sondern immer auch eine sicherheitsgerichtete Auswertung der Drehgebersignale notwendig ist, haben wir unser Produktspektrum mittlerweile um passende Sicherheitsmodule erweitert.

Huber: Der SIL-Drehgeber erzeugt direkt von der Scheibe und voneinander unabhängige Sinus-/Cosinus-Signale. Diese zweikanalige Struktur zieht sich bis zu den Ausgängen durch. Zusätzlich werden die Signale schon intern im Geber auf Plausibilität mittels der Beziehung sin2(x)+cos2(x)=1 überwacht. Dadurch werden alle Fehlfunktionen aufgedeckt und die Ausgänge im Fehlerfalle abgeschaltet, was die Steuerung quasi als Leitungsbruch erkennt. Der Absolutgeber ist intern redundant aufgebaut und der Überkreuzvergleich ergibt hier den geforderten hohen Diagnosedeckungsgrad. Der Positionswert muss aber auch noch sicher übertragen werden, z.B per Canopen-Safety-Protokoll.

Kleiner: Unser fundiertes Know-how und das breite Produktspektrum eröffnen unterschiedliche Ansätze für die optimale Umsetzung. Baumer nutzt dabei seit jeher zwei Methoden: Eigendiagnose der Abtastsysteme für den Einsatz unter rauen Umgebungsbedingungen und Kombination physikalisch unterschiedlicher Doppelabtastungen. Je nach Baureihe und Zielanwendung setzen wir daher auf die redundante Signalerfassung und -übertragung oder auf integrierte Eigendiagnose-Funktionen, die Fehler sofort erkennen und Folgeschäden erst gar nicht auftreten lassen. Bei Bedarf verwenden wir auch eine Verknüpfung beider Optionen.

Krebs: Wie bereits angedeutet verfolgen wir unterschiedliche Ansätze, um die Anforderungen der Normen ISO 13849 und IEC62061 zu erfüllen. Durch die neuen Sicherheitsnormen ergibt sich für Maschinenbauer einerseits eine erhöhte Flexibilität und damit auch die Möglichkeit, Materialkosten durch den Einsatz von Standard-Encodern in den Sicherheitskreisen zu sparen. Andererseits wird der Anspruch an den Konstrukteur erhöht, Zulässigkeit und Auswirkung der Optimierungsmaßnahme zu bewerten. Aktuell liegt bei Sick der Schwerpunkt auf der Systemlösung, d.h. sicherer Drehzahlwächter plus Standard-Encoder. Mit der Produktkombination Speed Monitor und einem Standardencoder bieten wir heute eine Lösung zur Realisierung der sicheren Drehzahl- und Stillstandsüberwachung an. Wir arbeiten aktuell an Lösungsansätzen, die den Kunden in Zukunft vor allem eine einfachere Einbindung in Steuerungssysteme ermöglichen sollen.

Wachendorff: Die Anforderungen der Normen ISO 13849 und IEC62061 wurden in unseren Prozessen im Unternehmen nahezu zu 100% umgesetzt. Für den inkrementalen Drehgeber haben wir eine Lösung mit einem zweikanaligen Sinus/Cosinus-Ausgang entwickelt, der es einer Steuerung oder einem Regler über eine mathematische Berechnung ermöglicht, zu überwachen, ob ein Kanal entfallen ist. Dieser Drehgeber wurde aber bis jetzt noch nicht von einer autorisierten Stelle zertifiziert. Bei unseren Absolutwertgebern haben wir ein redundantes Sensorsysteme mit Hybridfunktion als Schaltungskonzept entwickelt.

elektro Automation: Für welche Applika- tionen machen die SIL3-/PLe-Drehgeber wirklich Sinn und wann reichen SIL2-/PLd-Versionen aus?

Düllo: Ist die Anforderung an die Sicherheitsfunktion wirklich SIL3 und ist die absolute Position für die Sicherheit entscheidend, werden integrierte SIL3-/PLe-Drehgeber sinnvoll eingesetzt. Sie entlasten die Person, die für die Sicherheitsauslegung verantwortlich ist, für die Teilaufgabe „ Sichere Positionserfassung" eigene Lösungen z.B. auf Basis doppelter SIL2-/PLd-Drehgeber zu erarbeiten. Nur bei einem zertifizierten SIL3-/PLe-Drehgeber ist sichergestellt, dass auch eine notwendige Diversität bei der Ermittlung der Position vorhanden ist. Kombinationen von hoch sicheren Drehgebern mit z.B. Seillängentrommeln sind im Einzelfall zu prüfen. Wenn aufgrund der Gefahrenanalyse der Einsatz von redundanten Sensoren ausreicht, ist zu prüfen, ob der Einsatz von SIL3/PLe-Drehgebern wirtschaftlicher ist.

Hettich: Aus unserer Sicht machen SIL3-/PLe-Drehgeber für alle Applikationen Sinn, bei denen Sicherheit gefordert ist. Wir haben uns entschieden, unsere Drehgeber von Beginn an für SIL3-/PLe-Einsatz auszulegen, um ein möglichst breites Anwendungsspektrum abzudecken. Auch in Anwendungen, in denen SIL2-/PLd ausreicht, kann problemlos ein SIL3-/PLe-Drehgeber eingesetzt werden. Einen Vorteil, Drehgeber nur speziell für SIl2-/PLd zu entwickeln bzw. zuzulassen, sehen wir nicht. Die Kunden profitieren davon, dass unsere Sensoren wirtschaftlich in SIL2-/PLd und SIL3-/PLe Applikationen eingesetzt werden können.

Huber: Das muss die Risikoanalyse ergeben. Pepperl+Fuchs vertritt den Standpunkt, dass es aus Gründen der Lager- und Ersatzteilhaltung keinen Sinn macht, unterschiedliche Sensoren für SIL2/PLd und SIL3/PLe einzusetzen. Die geringfügig höheren Kosten für einen SIL3/PLe-Geber werden durch Einsparungen in Lagerhaltung, Service sowie Reduzierung der Variantenvielfalt schnell kompensiert. Es ist unsere Überzeugung, dass SIL3-/PLe-Drehgeber mehr und mehr zum Standard werden und die konventionellen Gebertypen ersetzen werden. Hier wird quasi ein neuer Stand der Technik geprägt. Somit ist der Kunde bzgl. seinem SIL/PL-Erfüllungsgrad auf jeden Fall auf der sicheren Seite.

Kleiner: Aus unserer Erfahrung setzen Kunden SIL3-Drehgeber in Anwendungen ein, bei denen im Fehlerfall eine entsprechend hohe Gefährdung für Leib und Leben gegeben ist. Dies trifft zum Beispiel für Kran- und Hebeapplikationen zu, bei denen sich Personen unter schwebenden Lasten aufhalten, oder gefährdende Einrichtungen wie Stauwehre. Wenn es um den Schutz von Anlagen geht, sind bisher SIL2-Drehgeber die bevorzugte Wahl.

Krebs: Über die Sinnhaftigkeit von SIL3-/PLe-Drehgeber oder SIL2-/PLd-Drehgeber kann letztendlich nur das erforder- liche Sicherheitsniveau der Applikation und die zu realisierende Sicherheitsfunktion Auskunft geben. Bei der sicherheitstechnischen Beurteilung werden das Schadensausmaß, die Häufigkeit/Aufenthaltsdauer im Gefahrenbereich und die Möglichkeit zur Vermeidung bewertet. Zusätzlich wird die Eintrittswahrscheinlichkeit des Gefährdungsereignisses berücksichtigt. Erst nach abschließender Betrachtung und Bewertung jedes einzelnen Subsystems und somit des Gesamtsystems kann eine sinngemäße Zuordnung des Sicherheitsintegritätslevel bzw. Performance Level getroffen werden. Nach unserer Erfahrung verlangt ein Großteil der Applikationen Sicherheitsfunktionen mit maximal SIL2-/PLd-Niveau.

Wachendorff: Immer dann, wenn der Drehgeber der einzige oder der wichtigs-te Sensor in der entsprechenden Anwendung ist und Gefahr für Personen besteht, ist ein sicherer Geber selbstverständlich notwendig. Ein anschauliches Beispiel sind z.B. die Bewegungen von Beleuchtung und Bühnenbildern in einem Theater. In sehr vielen Anlagen und Maschinen sind mehr als ein Sensor installiert, die gleiche oder ähnliche Funktionen des Prozesses überwachen. Bei diesen Anwendungen gelingt es oft, mit einer cleveren Verknüpfung der Informationen dieser Sensoren eine sichere Abwendung von Schaden an Mensch, Umwelt und Maschine zu erreichen. Insbesondere ist auch die Kreativität der Konstrukteure und Entwickler bei der Risikoanalyse gefragt, um nicht nur die funktionale Sicherheit zu erreichen, sondern auch mit entsprechendem Kostenbewusstsein zu arbeiten. Und da sind SIL-Drehgeber zwar auf den ersten Blick die nahe liegendste Lösung, aber nicht immer die zwingenste oder die wirtschaftlichste Lösung. So kann z.B. die Kombination von einem Standardgeber mit einem Näherungsschalter oder sogar mit einem zweiten Standard-Drehgeber preiswerter sein, als es eine Lösung mit einem SIL3-Geber wäre.

elektro Automation: Heutige SIL3-/PLe- Drehgeber zielen in erster Linie auf die Positionsbestimmung ab. Lässt sich hier auch die Motorregelung integrieren?

Düllo: Die Motorregelung ist durch zusätz-liche Inkremetalausgänge des absoluten SIL3-Gebers bereits jetzt möglich und wird dann angewendet, wenn das Motorfeedbacksignal von der Motorwelle zur Regelung nicht ausreicht. Denkbar ist das sicher; am Markt haben sich allerdings für die ungesicherten Motorregler solche Systeme durchgesetzt, in denen der Regler in den Umrichter bzw. in das Leistungsteil integriert ist. Daher nehmen wir an, dass auch für sichere Antriebe die Regelung mit den zugehörigen Sicherheitsfunktionen weiterhin dort verbleiben wird. Bei der Integration des Reglers in den Drehgeber wäre z.B. eine hochauflösende Feldsteuerung nur möglich, wenn der Drehgeber auf der Motorwelle platziert wäre. Sichere Drehgeber, individuell auf die Anwendung abgestimmt, insbesondere wenn sie an anderer Stelle im Antriebsstrang verbaut sind, bieten eine bessere Sicherheit der gesamten Funktion, als die Positionsregelung und damit die Überwachung auf die Motorwelle zu konzentrieren.

Hettich: Kübler hat seit etwa zwei Jahren sowohl inkrementale Drehgeber für funktionale Sicherheit mit Schwerpunkt auf Geschwindigkeitsüberwachung als auch absolute Drehgeber für funktionale Sicherheit für den Schwerpunkt sichere Positionierung im Portfolio. Da das Sicherheitskonzept des absoluten Drehgebers auf der Kombination aus absoluter Information über SSI- oder BiSS-Schnittstelle und gleichzeitiger Information über inkrementale Sinus/Cosinus-Spuren beruht, können hier sogar mit nur einem Geber gleichzeitig sichere Positionierung und sichere Geschwindigkeit sowie weitere Sicherheitsfunktionen für die Motorregelung realisiert werden.

Huber: Selbstverständlich. In vielen Applikationen geht es bei der Sicherheitsfunktion ja gar nicht um die Position, sondern um sicheren Stillstand, sichere Drehrichtung oder sicher begrenzte Geschwindigkeit, um so einen gefahrlosen Einricht- und Wartungsbetrieb zu ermöglichen. Dies lässt sich mit unserem SIL3/PLe-zertifizierten Motorfeedback-Drehgeber realisieren. Die sicheren Sinus/Cosinus-Signale dienen der Motorregelung und zugleich der Sicherheitsüberwachung als Eingangsgröße für die Geschwindigkeit der Motorwelle. Und die zusätzliche Absolutspur ermöglicht zugleich die bei Synchronmotoren notwendige Startkommutierung.

Kleiner: Im Bereich der inkrementalen Drehgeber setzen unsere Kunden bereits erfolgreich unsere Lösungen mit SIL2-Zertifizierung als Feedback-System am Motor ein. Darüber hinaus gibt es interessante Ansätze bei schnellen Feldbussystemen. Gerade in Kombination mit modernen Schnittstellen ergeben sich neue Ansätze für das Motorfeedback und wir arbeiten an einer innovativen Lösung.

Krebs: Bei den Motor-Feedback-Systemen ist der Großteil der Functional-Safety-Applikationen in der Kategorie SIL2/PLd angesiedelt. Diesen Bereich decken wir heute schon mit verschiedenen Produktfamilien ab. Zweifellos wird es zukünftig auch SIL3/PLe-Applikationen geben. Hier bieten wir mit der voll digitalen Schnittstelle Hiperface DSL eine Lösung, die sowohl technisch als auch betriebswirtschaftlich Vorteile bietet. In Abstimmung mit dem TÜV-Rheinland ist die Schnittstelle unter Safety-Gesichtspunkten entwickelt worden und minimiert nebenbei die notwendigen Kommunikations-Adern (inklusive Spannungsversorgung) auf zwei.

Wachendorff: Natürlich ist es auch bei einer Regelung hochinteressant, sichere Informationen zu erhalten. Es gibt ja bereits auf dem Markt einige Frequenzumrichter, mit denen sich entsprechende Sicherheitsfunktionen realisieren lassen. Wenn man sich vorstellt, wie eine Regelung bei extremen oder überraschenden Veränderungen reagieren soll, z.B. bei einer Überlast oder bei der Überwachung der maximalen Drehzahl? Das wird bei der Betrachtung des Aufzugsbaus deutlich: Wir liefern seit vielen Jahren Systeme für die Messung der Position des Fahrkorbs. Die europäische Norm EN 81-1: A3 verlangt dort seit Anfang des Jahres, dass eine unbeaufsichtigte Bewegung des Fahrkorbs im Stillstand überwacht werden muss. Hierfür haben wir ein vom TÜV zertifiziertes System entwickelt, in dem zwei Standard-Drehgeber redundant diese Anforderung sicherstellen. Jetzt könnte man sich vorstellen, dass die Informationen über Beschleunigung und Fahrgeschwindigkeit ebenfalls über unsere Drehgeber redundant erfasst werden können. Somit könnte die Installation um einige Komponenten im Aufzugsschacht reduziert werden. Allerdings ist dies noch Zukunftsmusik, da wir aus offensichtlichen Gründen dort sehr vorsichtige Schritte – in Abstimmung mit den Steuerungsbauern und dem TÜV – gehen werden. ge

INFO-TIPP

Das Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung IFA hat ein Informationsblatt herausgegeben, das über die Unterschiede bei der Verwendung von fertigen Sicherheitsbauteilen und Standardbauteilen für die Realisierung von Sicherheitsfunktionen an Maschinen informiert:

· www.wirautomatisierer.de/ 32986800

DIE EXPERTEN

· Dipl.-Ing. Burkhard Düllo, Manager Sales and Marketing bei der TR-Electronic GmbH in Trossingen ( www.tr-electronic.de , Hannover Messe: 9-G18)

· Dipl.-Ing. Arnold Hettich, Produktmanager Sensortechnik bei der Kübler GmbH in Villingen-Schwenningen ( www.kuebler.com )

· Rudolf Huber, Business Development Manager Safety bei der Pepperl+Fuchs Drehgeber GmbH in Tuttlingen ( www.pepperl-fuchs.de , 9-F28)

· Dipl.-Ing. Daniel Kleiner, Leiter Entwicklung Motion Control bei Baumer am Standort Villingen-Schwenningen ( www. baumer.com )

· Dipl.-Ing. Heiko Krebs, Manager Business Unit Encoders bei der Sick AG in Waldkirch ( www. sick.com )

· Dipl. Wirt.-Ing. Robert Wachendorff, Geschäftsführender Gesellschafter bei der Wachendorff Automation GmbH & Co. KG in Geisenheim ( http://www.wachendorff-automation.de , 8-D31)

17.04.2012


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