- Vorausschauende Wartung auf Basis von Daten aus permanenter Zustandsüberwachung wird viel diskutiert, im Maschinenbau aber aufgrund der hohen Kosten traditioneller Systeme bisher noch wenig praktiziert. Ein neu entwickeltes, eigenintelligentes Modul von B&R zur Schwingungsauswertung macht hier nun zusätzliche Hard- und Software überflüssig und könnte somit dafür sorgen, dass Condition Monitoring bald selbstverständlicher Bestandteil jeder Maschine wird.
Einfach als Modul integrierbar
Die Maximierung der Maschinenverfügbarkeit bei gleichzeitiger Minimierung der Wartungsaufwände ist eines der Mittel, um die Total Cost of Ownership (TCO) zu reduzieren. Einer der Wege, mit denen Maschinenbauer diese Wartungskostenoptimierung zu erreichen versuchen, ist der Ersatz fixer Wartungsintervalle durch zustandsabhängige vorbeugende Wartung. Diese hat einerseits den Vorteil, dass mit den Wartungsarbeiten abgewartet werden kann, bis sie tatsächlich erforderlich werden. Andererseits bleibt die Planbarkeit erhalten, d.h. die Wartungsarbeiten können im Rahmen eines ohnehin zyklisch stattfindenden Stillstands z.B. am Wochenende durchgeführt werden. Zugleich entfällt das Risiko eines Ausfalls aufgrund von Wartungsversäumnissen.
Möglich ist dieser Spagat nur mit Condition Monitoring, also mit permanenter Zustandsüberwachung der Gesamtanlage. Ihre Ergebnisse lassen Rückschlüsse auf die Wartungsbedürftigkeit der betroffenen Teile zu. Bereits bisher schon eröffneten Automatisierungssysteme von B&R gewisse Möglichkeiten für das Condition Monitoring, d.h. Eingangsmodule für Temperatur- oder Strommessung sind ebenso für diesen Zweck geeignet wie die Motorüberwachungsfunktionen der Acopos-Antriebssteuergeräte.
Vibration als Kriterium
Für einen namhaften skandinavischen Hersteller von Rotationsmaschinen entwickelte B&R zudem ein Modul für die Auswertung bestimmter Beschleunigungssensoren, das die Vibrationsdaten sammelt und in einem spezifischen Format zur Verarbeitung weitergibt. Das Spezielle daran: Für den Maschinenbauer war Condition Monitoring nichts Neues, sondern seit 15 Jahren optionaler Systembestandteil. Dementsprechend war auch die Signalweitergabe aus Gründen der Kompatibilität an bestimmte Formate gebunden. Mit dem B&R-Modul konnten die Schweden teure Außenbeschaltung einsparen und Condi-tion Monitoring nicht mehr nur als aufpreispflichtige Option anbieten, sondern zumindest in der Basisfunktionalität in den Standard integrieren.
Das Wissen, dass diese Art des Condition Monitoring bisher nur mit teuren und unhandlichen externen Systemen zu realisieren ist, brachte die Idee zur Entwicklung eines Standardmoduls für die Zustandsüberwachung anhand von Vibrationsdaten zum Reifen. Dabei war hilfreich, dass einer der früheren Lieferanten des schwedischen Unternehmens sich aus diesem Markt zurückzog und B&R zuvor noch das Knowhow auf dem Gebiet der Schwingungsphysik zur Verfügung stellte – essenziell wichtig, um den Zusammenhang von Vibrationssignalen und den Zuständen von Maschinenteilen zu verstehen.
Gemeinschaftsprojekt mit FH Wels
Mitte 2010 wurde ein Konzept erstellt und im Rahmen einer Projektarbeit gemeinsam mit der FH Wels vertieft. Es mündete direkt in die Entwicklung des Condition-Monitoring-Moduls X20 CM4810 für die Maschinenbaubranche. Als erstes Mitglied einer späteren Gerätefamilie verfügt es auf zwei Slots Breite über vier Eingangskanäle für die Abfrage von Beschleunigungssensoren über die genormte IEPE(Integrated Electronic Piezo-Electric)-Schnittstelle, die auch zu deren Stromversorgung dient. Über diese Schnittstelle werden die Signale aus den Sensoren abgetastet und dann gleich im Modul zu mehr als 70 Parametern verarbeitet. 32 hiervon sind einstellbare Schadensfrequenzen, bei denen es sich um Faktoren handelt, die durch Multiplikation mit der Drehzahl der gemessenen Achse die reale Störfrequenz bilden. Eine Unwucht hätte daher beispielsweise die Schadensfrequenz von 1, eine Fehlausrichtung von 2. Höhere Schadensfrequenzen sind geometrieabhängig und werden z.B. von den Herstellern von Getrieben und Wälzlagern bekannt gegeben. Bei den weiteren mehr als 40 Parametern handelt es sich um fest vorgegebene Kennwerte wie Kutosis und Crest Faktor oder die Überwachung der standardisier-ten ISO-10816-Grenzwerte für die Schwingungsgeschwindigkeit.
Dienstleistungsfreie Kompaktlösung
Durch diese Vielzahl an einstell- und überwachbaren Kriterien können auch komplexe Schwingungsmuster auf nur einem Kanal überwacht werden, z.B. im Fall von Getrieben. Der wesentliche Unterschied zu vielen etablierten Lösungen ist jedoch die Tatsache, dass diese Auswertung im Modul selbst stattfindet. Durch diese Integration ist kein externer Rechner samt eigener Programmierung erforderlich, zusätzlich werden Feldbus und System-CPU entlastet. Die tatsächlich benötigte Verarbeitungsleistung ist von der Anwendung abhängig und nicht zu unterschätzen. Für das Condition Monitoring in der Zellstoff verarbeitenden Industrie ist die Auswertung von 2000 Kanälen und mehr nicht unüblich. Entwicklungsseitig minimiert die Integrationsmöglichkeit von Parametersetzung und Reaktionsprogrammierung innerhalb des Engineeringsystems Automation Studio den Softwareaufwand und die Schnittstellenproblematik.
Seit September 2011 laufen Tests von Alpha-Prototypen bei ausgewählten Pilotkunden. Die allgemeine Verfügbarkeit von Prototypen wird für das zweite Quartal 2012 erwartet, die Seriengeräte im dritten Quartal desselben Jahres. Wichtigste Vorgabe bei der Entwicklung der neuen Module ist deren einfache Verwendbarkeit als Teil der Gesamtautomatisierung, ohne Expertenwissen auf dem Gebiet der Schwingungsmechanik. Es muss genügen, im Modul die Parameter zu bestimmen bzw. zu setzen und in der Steuerung die passende Reaktion auf entsprechenden Input zu programmieren.
DER AUTOR Andreas Waldl, Technical Manager Customized Solutions der Bernecker + Rainer Industrie-Elektronik (B&R) Ges.m.b.H. in Eggelsberg/A ( www.br-automation.com )
praxis plus
B&R-Experte Andreas Waldl zum auf der SPS/IPC/Drives vorgestellten X20-Modul für Condition Monitoring: „Mit dem neuen Modul stellen wir die Auswertung von Vibrationsdaten auf völlig neue Beine. Kompakt, ohne externe Rechner und nahtlos in unsere Automatisierungssysteme integrierbar, minimiert es den Aufwand für die Zustandsüberwa-chung im Maschinenbau."
Smart Engineering, dezentraler Antrieb, Multitouch-Panel
Mit dem neuen X20-Modul zur Schwingungsauswertung will B&R dem Condition Monitoring die Tür zu einem flächendeckenden Einsatz öffnen. Zur SPS/IPC/Drives wartet das Unternehmen aber noch mit weiteren Neuheiten auf: Ein Highlight ist für B&R-Geschäftsführer Hans Wimmer die neue, ab Mitte 2012 ver-fügbare Generation der Engineeringsoftware Automation Studio, Version 4. Sie gehe völlig neue Wege hin zu einem 'Smart Engineering' und mache durch die Projektmodularisierung das Arbeiten 'smarter', d.h. sie ermöglicht die Untergliederung jedes einzelnen Projekts für die gleichzeitige Bearbeitung durch mehrere Entwickler. Für Sicherheit und Konsistenz sorgt dabei die neue Versionskontrolle. Die Hardwarekonfiguration als oft erster Schritt der Systementwicklung erfolgt im neuen System Designer durch Anordnen der Komponenten in fotorealistischer Darstellung. Das selbsttätige Nachziehen der benötigten Konfigurationsparameter spart einen Großteil der bisher aufgewendeten Zeit und lässt Fehler erst gar nicht entstehen. Für die durchgängige Gestaltung von Mechanik, Elektrotechnik und Automatisierungssoftware verfügt Automation Studio 4 über eine bidirektionale Schnittstelle zu Eplan P8, über die auch Fluid-Planungssysteme maschinenbaulicher CAD-Systeme angebunden werden können. Ähnliche Schnittstellen zu Simulationsprogrammen gestatten die frühzeitige Überprüfung der Entwicklungsergebnisse oder umgekehrt die Verwendung von Simulationsergebnissen als Ausgangspunkt für die Systementwicklung. Weitere Features sind die Kommunikation über OPC Unified Architec-ture sowie Weiterentwicklungen für die objektorientierte Programmierung.
Eine Lücke im bisherigen Antriebsportfolio wird – so Hans Wimmer weiter – ebenfalls zur SPS/IPC/Drives geschlossen: Die integrierte Motor-Servoverstärker-Kombination Acoposmulti65m vervollständigt das Angebot für dezentrale Antriebskonzepte. In drei Baugrößen erhältlich sei der kompakte Servoaktuator ein sehr flexibles System, denn dank Powerlink ist sein Einsatz in einem variablen topologischen Aufbau (Linien- oder Baumstruktur) möglich. Zudem sei durch die ansteckbaren I/O-Ein-heiten das gesamte Portfolio an IP67- I/Os nutzbar. Auch die Basis-Safety-Funktionen seien bereits integriert (STO und SS1 nach SIL3) bzw. weitere über ein optionales, aufsteckbares Safety-Modul nutzbar.
Die von Smart-Phones her bekannte Multitouch-Technologie bietet durch Erkennung und Auswertung der Positionen mehrerer gleichzeitig auftretender Berührungen das Potenzial für den nächsten großen Innovationssprung im Bereich der Bedienkonzepte im Maschinenbau. Dies greift B&R als weitere Messeneuheit nun erstmals mit einem Automation Panel auf, mit 21,5"-Bildschirm in Full-HD-Auflösung für die Tragarm-Montage.
INFO-TIPP
Das Condition-Monitoring-Modul wurde zusammen mit der FH Wels entwickelt. Nähere Informationen zur 'University of Applied Sciences - Oberösterreich' gibt es unter:
