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BG-Experten zur Bedeutung der EG-Maschinenrichtlinie beim Retrofitting (Hannover Messe: 2-A46)

Das Ziel ist und bleibt die sichere Maschine

Berthold Heinke
Berthold Heinke
Alois Hüning
Alois Hüning
Wichtige Anlaufstelle zum Thema Maschinensicherheit ist die Berufsgenossenschaft. Was liegt also näher, als deren Experten auch zum Bereich Retrofitting zu befragen. Dankenswerterweise antwortete uns einserseits Alois Hüning hinsichtlich der Rechtsgrundlagen zur Anwendung von Normen bei Retrofit-Maßnahmen und andererseits Berthold Heinke zu den steuerungstechnischen As-pekten, beide von der BG Holz und Metall.

Wichtige Anlaufstelle zum Thema Maschinensicherheit ist die Berufsgenossenschaft. Was liegt also näher, als deren Experten auch zum Bereich Retrofitting zu befragen. Dankenswerterweise antwortete uns einserseits Alois Hüning hinsichtlich der Rechtsgrundlagen zur Anwendung von Normen bei Retrofit-Maßnahmen und andererseits Berthold Heinke zu den steuerungstechnischen As-pekten, beide von der BG Holz und Metall.

elektro Automation: Herr Hüning, welche Rechtsgrundlagen sind eigentlich anzuwenden, wenn Umbauten oder Retrofit-Maßnahmen durchgeführt werden sollen?

Hüning: Primär geht es nicht um die „blinde Erfüllung" einer (freiwillig anzuwendenden) Norm, sondern um die abschließende Risikobeurteilung, ob diese Maßnahme eine wesentliche Veränderung im Sinne des Geräte- und Produktsicherheitsgesetzes ist. Mit diesem „unbestimmten" Rechtsbegriff können sowohl die Industrie als auch staatliche und BG-liche Vertreter mittlerweile sehr gut umgehen. Das Interpretationspapier des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, wie auch weiterführende Erläuterungen von der BGHM, lassen diesen Begriff transparent und anwendbar werden. Eine Umbaumaßnahme oder Modernisierung davon abhängig zu machen, ob ich eine Norm erfüllen muss, kann nicht im Interesse der Sicherheitstechnik sein. Ziel der Retrofit-Aktivität muss sein, eine sichere Maschine zu konzipieren. Andere ingenieurmäßige Lösungen (mithilfe Risikobeurteilung) sind gleichwertig und prioritär zu bewerten. Umbau- respektive Retrofit-Maßnahmen sollten grundsätzlich positiv bewertet werden, weil auch der Gesetzgeber diese Maßnahmen dadurch belohnt, dass eine Verbesserung des Sicherheitsniveaus grundsätzlich keine wesentliche Veränderung ist. Die Maschine behält somit ihren Rechtsstatus, wie sie ihn zum Zeitpunkt des erstmaligen Inverkehrbringens hatte. („Bestandschutz").

elektro Automation: Herr Heinke, wie konsequent muss die EN 13849-1 im Retrofit-Bereich angewendet werden, macht hier u.U. die EN 62061 mehr Sinn?

Heinke: Die beiden Normen EN 13849-1 und EN 62061 sollten grundsätzlich nicht mit den Prädikaten „besser" oder „schlechter" bewertet werden, da in beiden Normen das gleiche Ziel der Risikominderung im Vordergrund steht – wenn auch die Wege sehr unterschiedlich sind. Beschränkt man einmal den Begriff „Retrofit" auf die Modernisierung von Maschinen- und Anlagensteuerungen, so werden die Architekturen (Kategorien) der EN 13849-1 sehr häufig mit elektronischen Komponenten realisiert, die nach den Anforderungen der EN 62061 bewertet wurden. Dies bedeutet, dass auch beim Retrofit beide Normen Einfluss finden. Da jedoch die bekannten Strukturen der bisherigen EN 954-1 nahezu unverändert in der Norm EN ISO 13849-1 enthalten sind, lassen sich demnach auch Vorteile bei der Anwendung der Norm EN ISO 13849-1 ableiten – man kann auf bereits Bekanntes zurückgreifen. Der Anwendungsbereich für alle Medien (Hydraulik, Pneumatik und Elektrotechnik) einer Maschinensteuerung unterstützt dies zusätzlich.

elektro Automation: Lohnt sich Retrofitting unter Anwendung der EN 13849-1 überhaupt noch und welche Besonderheiten sind zu beachten?

Heinke: Bei jedem Retrofit ist es für ei- nen Maschinenkonstrukteur vollkommen selbstverständlich, dass vorhandene Maschinenelemente hinsichtlich der weiteren Verwendung bewertet werden. Bei einem zu großen Verschleiß von Komponenten werden diese gegen neue Bauteile ausgewechselt. Nichts anderes ist bei der Umsetzung der EN 13849-1 zu beachten, nur dass sich die Bewertung eines „Verschleißes" auf sicherheitsrelevante Bauteile beschränkt. Gerade die Werkzeuge – Berechnungsmethoden – der EN 13849-1 bieten überhaupt erst einmal die Möglichkeit, auch bei einem Retrofit die weitere Verwendung von sicherheitsrelevanten Bauteilen sicherheitstechnisch zu beurteilen. In der Vergangenheit wurde dieser Bereich der Sicherheitstechnik leider vernachlässigt.

elektro Automation: Stellt die konsequente Anwendung der EN 13849-1 für einen Retrofit-Spezialisten einen Wettbewerbsnachteil dar?

Heinke: Die Frage kann so gar nicht beantwortet werden, denn jeder Maschinenkonstrukteur – demnach auch ein Retrofit-Spezialist – hat die Verpflichtung, sicherheitsrelevante Steuerungen derart zu realisieren, dass die notwendige Risikominimierung erreicht wird. Die möglichen Werkzeuge hierfür bietet die EN 13849-1. Man muss jedoch immer wieder deutlich zum Ausdruck bringen, dass sich die Norm nur auf sicherheitsrelevante Teile der Steuerung bezieht und nicht auf die gesamte Funktionssteuerung einer Maschine. Wenn die bisherige Maschinensteuerung auf den seit 1995 bekannten Kategorien der EN 954-1 basiert, so können diese Strukturen unverändert übernommen werden, da sich an den Kategorien auch in der EN 13849-1 grundsätzlich nichts geändert hat. Lediglich die Berechnung von Zuverlässigkeitswerten und Diagnosefaktoren müssen zusätzlich erbracht werden. Dies sollte jedoch nicht als lästiges Übel angesehen werden, sondern als effektive Möglichkeit der Analyse einer realisierten Sicherheitstechnik. Ein Retrofit-Spezialist sollte demnach die Einhaltung der EN 13849-1 nicht als Wettbewerbsnachteil, sondern als Wettbewerbsvorteil verkaufen, da die realisierte Sicherheitstechnik nicht nur den Menschen vor Gefährdungen schützt, sondern auch hilft, mögliche Maschinenschäden zu vermeiden.

zg

28.03.2011


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