Praktisch denken!
Nicht nur in Zusammenhang mit der neuen Maschinenrichtlinie sind bei der sicheren Konstruktion von Maschinen und Anlagen vielfältigste Safety-Aspekte zu beachten. Umso wichtiger ist hierbei ein stukturiertes und nachvollziehbares Vorgehen. Demgemäß bildete der 7. Konstrukteurstag Sicherheit + Automation Mitte März 2011 in Stuttgart unter dem Motto „Praktisch denken!" auch ganz konkret die einzelnen Prozessschritte bei der Entwicklung ab, praxisnah ergänzt durch branchen-, applikations- und haftungsspezifische Informationen.
Das Tagunsgskonzept wurde von den Veranstaltern Messe Stuttgart, Pilz sowie der Konradin Mediengruppe – hier federführend die elektro Automation – ganz spezifisch auf die Informationsbedürfnisse von Maschinen- und Anlagenkonstrukteuren ausge-richtet. 230 Experten sowie 44 reine Ausstellungsbesucher fanden denn auch am 15. März ihren Weg ins Internationale Congresscenter der Messe Stuttgart (ICS) und informierten sich über das breiten Themenspektrum von der Risikobeurteilung und Konzepterstellung über Sicherheitsdesign und -integration bis hin zu Systemvalidierung und Funktionsprüfung. Partner des 7. Konstrukteurstags waren u.a. die Unternehmen Axelent, Brühl und elobau sowie das Fraunhofer IPA, der Safety Network International e.V., der VDMA Baden-Württemberg und der ZVEI.
Plenumsvorträge und Podiumsdiskussion
Den Anfang des Konstrukteurstags machte – ganz im Sinne des tatsächlichen Konstruktionsablaufs – Helmut Frick von der IBF Automatisierungs- und Sicherheitstechnik GmbH mit seinem Vortrag „ Bewerten und Konzept erstellen! Risikobeurteilung und Sicherheitskonzept gemäß der neuen Maschinenrichtlinie". Er erläuterte, was genau zu beachten ist und wie man bei der praktischen Umsetzung konkret vorgehen sollte. Dabei verwies er auf das Ablaufdiagramm in der Norm EN ISO 12100:2010, Bild 1 als „ perfekte Darstellung" der erforderlichen und sinnvollen Vorgehensweise zur Risikobeurteilung und -minderung. Zu beachten sei allerdings auch, dass im Produktentstehungsprozess verschiedene Personen, Abteilungen und Unternehmen reibungslos zusammenspielen müssen.
Den nächsten Schritt auf dem Weg zur sicheren Maschine beschrieb Torsten Pusch von der Pilz GmbH & Co. KG unter dem Titel „Designen und integrieren!" Er erläuterte die beste Vorgehensweise für optimales Sicherheitsdesign und effiziente Sicherheitsintegration. Zum Sicherheitsdesign gehört aus seiner Sicht die Konkretisierung der Maßnahmen des Sicherheitskonzepts zur Risikominimierung, die Auswahl und Bestimmung der Eigenschaften der Maßnahmen der inhä- rent-sicheren Konstruktion, die Spezifikation der technischen Schutzmaßnahmen und ergänzenden Schutzmaßnahmen, die Vorbereitung der Systemintegration sowie die Planung der Validierung. Die Planung und Kommissionierung der Maschinen im Rahmen der Systemintegration umfasse hingegen die Projektplanung und -steuerung, die Beschaffung der Kompo-nenten, die Auswahl der Zu- lieferer und Auftragnehmer, die Konstruktion und Montage (Mechanik, Hydraulik, Pneumatik, Elektrik), die Programmierung, die Installation und Inbetriebnahme sowie Schulungen.
Im Vortrag „Validieren und Verifizieren von Steuerungen" griff Berthold Heinke von der Berufsgenossenschaft Holz und Metall schließlich den dritten Teil der Maschinenentwicklung auf, d.h. er gab die Antwort auf die Frage: „Ist das was funktioniert auch sicher genug?" Maßgebend seien hierfür die Anforderungen der Norm EN ISO 13849-2, die das Validierungsverfahren beschreibt und An-hänge zur Validierung mechanischer, pneumatischer, hydraulischer und elektrischer Systeme umfasst. Diese Anhänge beinhalten Listen der grundlegenden Sicherheitsprinzipien, der bewährten Sicherheitsprinzipien und der bewährten Bauteile sowie Fehlerlisten und Fehlerausschlüsse. Als Resümee fasste Berthold Heinke zusammen: „Wenn die notwendige Risikoreduzierung durch eine sicherheitsgerichtete Steuerung erreicht werden soll, so ist die Realisierung eines Performance Level eine notwendige aber nicht hinreichende Maßnahme. Und erst die Durchführung einer Validierung erbringt den Nachweis, dass das zu erreichende Ziel auch hinreichend erreicht wird."
Den Abschluss des Plenums am Vormittag machte die von Stefan Ziegler, Chefredakteur der elektro Automation, moderierte Podiumsdiskussion „Neue Wege gehen! Künftige Entwicklungen und neue Möglichkeiten der Maschinensicherheit". Hierbei diskutierten Dr. Jörg Hartge (ZVEI e.V.), Thomas Kramer-Wolf (Pilz), Tobias Mackh (ProfiServices) und Ralf Moebus (Safety Network International e.V.) u.a. die aus der neuen Maschinenrichtlinie entstehenden techni-schen Anforderungen, grundsätzliche Techniktrends wie die Integration von Sicherheitsfunktionalität in Antriebe bzw. SPSen sowie die Bedeutung moderner Sicherheitstechnik im internationalen Wettbewerbsumfeld der Maschinenbauer.
Zwei Branchen-Specials
Der Nachmittag des 7. Konstrukteurstags Sicherheit + Automa- tion war den beiden parallelen und von den Besuchern flexibel auswählbaren Branchen-Specials „Umformtechnik" und „ Verpa-ckungstechnik" gewidmet. Zum Branchenfokus Umformtechnik erläuterte Gerrit Gerritsen von der Bystronic Maschinenbau GmbH im Vortrag „Kein Blech reden!", wie sich mit innovativen Produkten die Maschinenrichtlinie für den Kunden wirtschaftlich umsetzen lässt. Dabei müsse man auf jeden Fall die Forderungen der Maschinenanwender an die Sicherheit erfüllen, nämlich eine 100 %- Sicherheit, keine Behinderungen bei der Produktion und beim Werkzeugwechsel, keine Wartezeiten beim Werkzeugwechsel sowie keine unnötigen Verlustzeiten. Zum Branchenfokus Verpa-ckungstechnik referierte Dietbert Werner von der Krones AG. Sein Vortrag „Sicher verpacken! Neue Maschinenrichtlinie und neue Sicherheitstechnik" ergab u.a. folgendes Fazit:
· Im Unternehmen müssen definierte Strukturen festgelegt werden, um die Risikobeurteilung für die hergestellten Maschinen und Anlagen rechtssicher aber auch kostenoptimiert umsetzen zu können.
· Die betroffenen Bereiche müssen hierzu allerdings auch über die notwendigen Kapazitäten, Fertigkeiten und die Zeit verfügen.
· Wenn das Thema Risikobeurteilung im Unternehmen gelebt wird, können auch Kosten eingespart werden.
Abschlussvorträge und Ausstellung
Nach den Workshops – im Plenumssaal wieder für alle Tagungsteilnehmer gemeinsam – erläuterte Gerhard Salzmann von der Hydro Aluminium Nenzing GmbH unter dem Titel „Den Endanwender hören!" die konkreten Anforderungen an die sichere Konstruktion aus Sicht eines Maschinen- und Anlagenbetreibers. Eine seiner Schlussfolgerungen war: „Technische Maschinensicherheit beginnt bereits im Design der Anlage. Der Aufwand ist um vieles geringer, mit verbessertem Ergebnis. Die Mitarbeiterakzeptanz ist höher. Die außerordentlichen Zustände wie Reinigung, Instandhaltung, Störungen und Reparatur sind mit in Betracht zu ziehen."
Abschließend beantwortete Prof. Dr. Thomas Klindt, ausgewiesener Experte für Technikrecht von der Wirtschaftskanzlei Nörr, die Frage „Wer haftet?". An einem fiktiven, aber realitätsbezogenen Fall machte er ganz plastisch klar, wie Haftung und Verantwortung im Unternehmen gehandhabt werden sollten und inwieweit insbesondere der Unternehmer von strafrechtlichen Risiken betroffen sein kann.
Ergänzend zu den Vorträgen und Branchen-Specials blieb während des Konstrukteurstags noch ausreichend Zeit, um die begleitende – übrigens auch von der Tagung getrennt und kostenfrei geöffnete – Fachausstellung zu besuchen. Insgesamt 27 Aussteller ergänzten dort die „Theorie" durch konkrete Produkte und Dienstleistungen zum breiten Spektrum der Maschinen- und Anlagensicherheit. Vertreten waren neben den anfangs genannten Veran-staltern sowie Tagungspartnern u.a. Balluff, BBH, Bihl + Wiedemann, Bosch Rexroth, Dina Elektronik, Elesta relays, Euchner, Gross-Funk, InfraServ Wiesbaden, Mayser, ProfiServices, RUD Ketten Rieger & Dietz und Siemens.
Vorträge und Video downloaden
Sie haben den 7. Konstrukteurstag Sicherheit + Automation verpasst, möchten sich aber dennoch umfassend zur Maschinensicherheit informieren? Dann können Sie sich mit einer einfachen Registrierung nachträglich die Vortragsunterlagen zur Veranstaltung 2011 über die unten stehende Website downloaden. Zudem ist auf dieser Site ein interessanter Kurzfilm über die Tagung zu sehen:
