Wie homogen ist die Steuerungstechnik heute?
Eine homogene, die Bereiche Control, Motion, CNC und Robotik verbindende Steuerungstechnik kann viele Vorteile bieten, muss aber auch vom Engineering bis hin zur Bedienung handhabbar bleiben. Im Experten-Interview des Trendteils „ Industrial Control" nehmen Vertreter von B&R, Bachmann, Beckhoff, Lenze, Mitsu- bishi Electric, Rexroth, Siemens, Sigmatek und Yaskawa Stellung zur konkreten Umsetzung.
eA: Zunehmend können Steuerungsplattformen alle Aufgaben von SPS über Motion Control und CNC bis zur Robotik übernehmen. Bieten Sie ein solch homogenes System an?
Aschl: Der Trend zu homogenen Systemen ist mindestens seit zehn Jahren spürbar und wird auch in Zukunft noch weiter gehen. In der heutigen Zeit wollen die Kunden einen Gesamtverantwortlichen für alle ihre Automatisierungsaufgaben. Sigmatek liefert seit Beginn homogene Systeme und somit auch im Bereich „embedded CNC bzw. NC" nicht nur klassische SPS-Lösungen.
Bachler: Ja, selbstverständlich. B&R spielt mit dem Softwarekonzept „Generic Motion Control" auch eine gewisse Vorreiterrolle für homogene Automatisierungssysteme. Wir haben bereits früh erkannt, dass eine umfassende Steuerungslösung für den Maschinenbau enorme Vorteile bietet, und unsere strategische Entwicklung in allen Bereichen darauf ausgerichtet – von I/O-Knoten über den Antrieb bis zum Echtzeitbetriebssystem und den darauf aufgebauten Softwarekomponenten.
Gunia: Ja, der Industrie- PC mit seiner sehr hohen Rechenleistung ist prädestiniert, alle Funktionen einer Logik-Steuerung (SPS), Motion bzw. CNC bis hin zur Transforma- tion komplexer Kinematiken in einem Gerät zu vereinen. Darüber hinaus werden Funktionen wie Datenspeicherung, Visualisierung, Fernwartung, Netzwerk-Kommunikation ebenfalls integriert. Lenze bietet mit dem L-force-System ein Lösungspaket, basierend auf Drive-based und PC-based Steuerungsarchitekturen, das sich in Bezug auf Funktionalität und Leistung an vielfältige Anforderungen skalieren lässt.
Hänel: Ja, Mitsubishi Electric führt auf der Hannover Messe 2008 mit der iQ-Plattform ein neues integriertes Steuerungskonzept für die Fertigungsindustrie europaweit ein. Dieses umfasst die Steuerungsarten SPS, Motion Controller, CNC und Robotersteuerung, die über einen gemeinsamen, hochperformanten Rückwandbus in Echtzeit miteinander kommunizieren. Damit hat Mitsubishi Electric jetzt alle angebotenen Factory-Automation-Komponenten auf einer systemübergreifenden Plattform integriert. Die volle Einbeziehung von CNC- und Robotersteuerung in ein solches, durchgängiges Konzept ist weltweit bisher einzigartig.
Papenfort: Beckhoff bietet mit dem Twincat-System eine reine Softwarelösung an, die auf nahezu allen PCs, Industrie-PCs und Embedded-PCs lauffähig ist. Das System ist skalierbar: Von reinem I/O-Handling, über PLC, Motion Control mit Punkt-zu-Punkt-Achsen, bis hin zu CNC kann der Kunde sein passendes System zusammenstellen. Ein Grund für die große Verbreitung von Twincat liegt in der Offenheit des Systems. Twincat unterstützt eine Vielzahl von Feldbussen und Antrieben.
Sasse: Mit dem Automation House bietet Rexroth gesamtheitliche Lösungen für alle Anwendungen. Speziell Indramotion MLC besitzt sämtliche Funktionen für Logic-, Motion- und Robot-Control über ein integriertes Laufzeitsystem in Verbindung mit durchgängigem Engineering. Synchronisierte Bahnbewegungen in 3D oder „ Coordinated Motion" werden über die von Rexroth entwickelte „ Robot Control Language" programmiert. Als Bindeglied zur SPS-Programmierung nach IEC 61131-3 stehen standardisierte Funktionsbausteine zur Verfügung. CNC-orientierte Applikationen wie bei Holz- und Werkzeugmaschinen werden vorzugsweise mit Indramotion MTX gelöst, für einfachere und kostengünstige Handlingappli-kationen steht die wirtschaftliche Indramo-tion MLD als dezentrale Antriebslösung zur Verfügung.
Schagginger: Das M1-Automatisierungssystem von Bachmann war schon vom ersten Design an als „Hybrid" zur Vereinigung von SPS, Motion und CNC geplant. Die dafür erforderlichen Konzeptgrundsätze wie offene Programmierbarkeit, hohe Performance und leistungsstarke Kommunikation wurden konsequent umgesetzt. Als das System auf den Markt kam, war es für viele Interessenten noch sehr ungewöhnlich, dass all diese Funktionalitäten in nur einem System vereint sind. Heute wird die homogene Steuerungslösung geschätzt und genutzt.
Schott: Der Anwender erlebt Steuerungsplattformen immer als das Zusammenspiel von Engineeringsystem und Automatisierungskomponenten. Mit Simatic Engineering, dem Projektierungswerkzeug für die Steuerungsfamilie Simatic werden die Siemens-Steuerungen durchgängig projektiert. Die Palette an Automatisierungskomponenten reicht dabei von SW-Paketen über Funktionsmodule bis hin zu den Simatic-Technologie-CPUs mit integrierten technologischen Funktionen, den Motion-Controllern Simotion und der Sinumerik-CNC sowie Simatic HMI. Von Anfang an hat Siemens den Aspekt der Durchgängigkeit in den Vordergrund gestellt und sich mit Totally Integrated Automation (TIA) auch klar dazu bekannt.
Wiechert: Yaskawa gehört zweifellos zu den Markführern im Bereich Motion Control. Diese Marktführerschaft gründet sich auf jahrzehntelanger Motion-Control-Erfahrung und der absoluten Konzentration auf dieses Thema. Unsere Maschinensteuerungen der Serie MP 2000 beinhalten Motion-Control-, SPS- und Technologie-Funktionen, wobei der Schwerpunkt eindeutig in der hochdynamischen und präzisen Bewegungssteuerung liegt.
eA: In welchen Anwendungsbereichen bietet Ihre Lösung welche konkreten Vorteile?
Aschl: Unsere Lösung passt perfekt für alle mittleren bis komplexen Automatisierungsanwendungen, die ein durchgängiges System sowohl in Hardware als auch in Software benötigen. Damit erreicht der Maschinenbauer minimale Time-to-Market, geringe Engineeringkosten und hohe Softwarequalität. Zudem hat er nur einen verantwortlichen Partner in allen seinen Automa-tisierungsaufgaben von der I/O-Ebene bis hin zur Visualisierung.
Bachler: Die Vorteile sind vor allem in den Bereichen zu finden, in denen es um mehr als nur eine Insellösung für eine einfache Maschine geht. Die Verpackungsindustrie ist hier wohl als Paradebeispiel zu nennen. Innovative Verpackungsmaschinen bedienen sich z.B. völlig neuer kinematischer Modelle, die mit einer Standardrobotersteuerung nicht mehr bedient werden können. Für das Zusammenspiel mit zahlreichen Hilfsfunktionen sowie die Einbettung in eine Fertigungseinheit bietet B&R die optimale Lösung.
Gunia: Die Vorteile liegen in der nahtlosen Integration, die Schnittstellen vermeidet und eine ganzheitliche Sicht auf die Applikation gestattet. Die Integration der Steuerungskomponenten und der Engineering-Werkzeuge ermöglicht durchgehende Konzepte für Projektierung, Inbetriebnahme und Service. Anwendungsfälle wie Fernwartung, Parameter-Download, Visualisierung oder Szenarien bei Gerätetausch sind im homogenen System einfach und effizient zu gestalten und bieten dem Maschinenbauer einen unmittelbaren Nutzen.
Knauf: Die iQ-Plattform spielt ihre volle Stärke dort aus, wo alle Steuerungskomponenten innerhalb eines Produktionsprozesses eingesetzt werden und eine durchgängige Kommunikation bis in die Managementebene gefordert ist. Als Bestandteil unseres e-F@ctory-Konzepts trägt die iQ-Plattform zu einer vollständigen Transparenz von Maschinen und Anlagen bei. Das multiple CPU-Konzept der iQ-Plattform bietet zudem die Möglichkeit, die einzelnen Steuerungstypen beliebig zu kombinieren oder nachträglich zu ergänzen. Man kann also sagen, dass das System mit den Kundenanforderungen wächst.
Papenfort: Gerade in CNC-Applikationen werden neben der reinen CNC-Funktiona- lität auch eine große PLC und oft noch Punkt-zu-Punkt-Achsen genutzt. Hier bietet ein homogenes System für die Kunden die optimale Lösung. Konfiguration und Programmierung, Inbetriebnahme, Wartung und Instandhaltung integriert in einem Tool verkürzen die Inbetriebnahme sowie Stillstände und sparen damit teure Engineeringstunden.
Sasse: Die Anwendungsbereiche unserer Lösungen spannen sich von einfachen Point-to-Point-Positionieraufgaben über synchronisierte Multiachslösungen bis hin zu komplexen Kinematiken für beispiels-weise 2- bis 6-Achs-Roboter. Vorteile liegen im identischen Logic-Kernel unserer skalierbaren Systeme, im einheitlichen Software-Engineering mit dem Framework Indraworks sowie in der Flexibilität über anwendungsspezifische Technologiefunktionen. Damit bieten wir für unterschiedliche Maschinenprozesse abgestimmte und bewährte Lösungskonzepte mit maximaler Durchgängigkeit.
Schagginger: Für moderne Automatisierungslösungen gilt nicht „ entweder Ablaufsteuerung oder Bewegungsregelung" – in nahezu allen Anwendungen benötigen die enthaltenen Teilfunktionen sowohl das eine wie das andere. Dem entsprechend wird der Mehrwert geltend, sobald Bewegungsregelung (egal ob servoelektrisch, hydraulisch oder pneumatisch) gefordert ist. Der konkrete Vorteil liegt in der Realisierung von Schnittstellen zwischen funktionalen Einheiten als reine Software sowie in der Zentralisierung auf einer CPU. Dies erleichtert wartbare, moderne Architekturen, erlaubt wirksame Testkonzepte bereits auf Einzel-Funktionsebene (Unittests, Standardtests) und ermöglicht konsequente Quellcodeverwaltung/Konfigurationsmanagement.
Schott: Simatic wird sowohl im Maschinenbau als auch in Anlagen eingesetzt. Anwendungsabhängig treten unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund. Wird eine Maschine meist mit einer oder wenigen Steuerungen automatisiert, tritt im Anlagenbau das Zusammenspiel von vielen Automatisierungskomponenten, deren Diagnose, Erweiterbarkeit im laufenden Betrieb und Verfügbarkeit in den Vordergrund. Von einer Plattform sollte man also erst dann sprechen, wenn auch Themen wie Diagnose, Hochverfügbarkeit, Safety oder Maintenance durchgängig integriert sind. Mit den hochverfügbaren H-CPUs, Safety Integrated und der Maintenance-Station deckt TIA bereits heute diese Anforderungen ab.
Wiechert: Maschinensteuerungen der Serie MP 2000 werden bevorzugt in der Halbleiterindustrie, der LCD-Fertigung, beim präzisen Schneiden von extrem dünnem Glas und in innovativen Drahtwickelmaschinen eingesetzt. Unsere Produkte sind sehr zuverlässig, äußerst dynamisch und extrem präzise. Diese Eigenschaften führen in allen Anwendungsbereichen zu erhöhter Produktivität bei gleichzeitig verbesserter Produktqualität.
eA: Wo liegen aktuell noch die technischen Grenzen eines homogenen Steuerungskonzepts und welche mittelfristige Weiterentwicklung erwarten Sie?
Aschl: Wir sehen hier prinzipiell keine technischen Grenzen. Es ist eher eine Frage der Zeit. Die mittelfristigen Weiterentwicklungen werden sich in den Bereichen Safety und Antriebssysteme bewegen. Da sich SPS, Motion, CNC, Safety und Antriebe immer mehr miteinander vermischen, werden hier neue Begriffe entstehen. Fakt ist ganz sicher, dass sich die Spreu vom Weizen trennen wird. Die Anzahl der Anbieter am Markt wird sich verringern, und die Produktpalette der verbleibenden Anbieter wird wachsen.
Bachler: Die Rechenleistung der verwendeten Steuerungs-CPU definiert derzeit wohl die Grenze des möglichen Funktionsum-fangs. Das Verständnis von Steuerungssystemen geht weit über eine einfache „klick-klack"-Logik hinaus. Immer öfter werden auch Simulationen oder komplexe Kompensationsalgorithmen Bestandteil des Echtzeitsystems. Die Rechenleistung der CPUs steigt zwar nach wie vor enorm an, aber die Möglichkeiten, die sich dadurch ergeben, sind noch lange nicht ausgenutzt.
Gunia: Die Geschwindigkeit und Deterministik der Kommunikation zu den Feldgeräten. Hier werden Realtime-Ethernet-Protokolle mit synchroner Datenübertragung neue Anwendungen erschließen.
Knauf: Das Konzept der iQ-Plattform ist vollständig homogen. Der Anwender kann seine Fertigungslinie mit einem einzigen Steuerungskonzept, das von der Hardware bis zur Software durchgängig ist, automatisieren. Dadurch, dass die unterschiedlichen Steuerungstypen und das Ethernet basie-rende Gigabit-Netzwerk CC-Link IE auf einem gemeinsamen Rückwandbus integriert sind, erfolgt der interne und der externe Datenaustausch in Echtzeit. Somit lassen sich auch dezentrale Lösungen mit höchster Performance realisieren.
Papenfort: Technische Grenzen sind hauptsächlich durch den Speicher und die Performance der CPU gesetzt. Bei PC-basierten Plattformen sind solche Grenzen immer fließend. Schon die nächste Generation von Prozessoren ermöglicht es in der Regel, die technischen Grenzen wieder weiter hinauszuschieben. Mittelfristig ist es nötig, auch Software von Fremdtools zu integrieren. Ein gutes Beispiel ist die Integration von Simulationstools wie Matlab/Simulink oder Messtechniksoftware wie Labview.
Sasse: Die optimale Verschmelzung von SPS und Motion Control zu Laufzeitsystemen ist aus unserer Sicht technisch kein Problem. Komplexe Anwendungen mit Coordinated Motion wie 6-Arm-Roboter mit zusätzlicher Bandsynchronisation benötigen Steuerungssysteme mit entsprechender Performance, aber auch diese sind im Rexroth Automation House verfügbar. Die originäre NC-Programmierung nach DIN 66025 ist für Motion- und SPS-orientierte Anwender allerdings nicht unbedingt das richtige Medium. Deshalb erwarten wir beim Engineering ein weiteres Zusammenwachsen der Technologien in einheitlicher SPS-Programmierung nach IEC 61131-3. Hier bestehen bereits Ansätze für Coordinated Motion, z.B. über Teil 4 des Standards PLCopen Motion Control.
Schagginger: Durch die neuen leistungsstarken Realtime-Ethernet-Kommunkationssysteme wurde eine früher geltende Limitierung bereits gelöst. Die Verfügbarkeit laufend schnellerer CPUs spricht ebenso für homogene Steuerungstechnik mit Vereinigung von PLC und Motion/CNC. Für heute übliche Anwendungen kann man eigentlich nicht mehr von „Grenzen" sprechen. Mittelfristig werden insbesondere Hersteller im komplexen Maschinenbau zu homogenen Steuerungslösungen wechseln und dabei nicht nur Kosten senken, sondern auch mit neuen Softwarearchitekturen das Fundament für zukünftige Erweiterungen schaffen.
Schott: Wir gehen davon aus, dass der Trend der Integration von Funktionen in Steuerungen weiter anhält. Dabei spielen sowohl wirtschaftliche Aspekte als auch Betrachtungen der Anwendersicht bzw. der Usability eine wichtige Rolle. Entscheidend ist jedoch, wie gut es gelingt, die unterschiedlichen Automatisierungskomponenten in ein einheitliches Engineering so zu integrieren, dass sowohl ihre einfache Projektierung gegeben ist wie auch deren perfektes Zusammenspiel. Mit TIA bietet Siemens schon heute ein homogenes Angebot von Simatic bis Sinumerik und wird dieses künftig noch weiter ausbauen.
Wiechert: Ich möchte hier ein Beispiel aus dem Bereich des Sports nennen. Ein Zehnkämpfer wird die 100 m niemals in der Zeit eines 100-m-Läufers laufen, d.h. je mehr Funktionen ich in ein System packe, desto langsamer wird es. Das mag bei zahlreichen Anwendungen nicht kritisch sein, unsere Kunden fordern jedoch ein Höchstmaß an Motion-Control-Performance. Neue Mikrocontroller mit noch mehr Rechenleistung werden die Grenzen zwischen den einzelnen Systemen immer enger werden lassen.
eA: Wie weit wird der Trend zu einer durchgängigen Steuerungsplattform reichen, d.h. wo werden spezielle CNC- und Robotersteuerungen nach wie vor die Oberhand behalten?
Aschl: Der Trend zum durchgängigen System ist bereits heute sehr deutlich am Markt erkennbar und wird nur von den nicht vorhandenen Engineeringkapazitäten unserer Kunden gebremst. Im Originalton heißt das: „Haben wollen wir das schon lange, aber Zeit dafür haben wir keine."
Bachler: Spezielle CNC- und Robotersteuerungen haben natürlich nach wie vor ihre Daseinsberechtigung. Hoch spezialisierte Insellösungen von Maschinen, die nicht in eine Fertigungszelle integriert werden sollen oder die man von Hand bedient, werden noch einige Zeit mit speziellen Steuerungen ausgerüstet bleiben.
Gunia: Dies ist abhängig von der Anwendung und den Rahmenbedingungen.
Hänel: Spezielle CNC- und Robotersteuerungen wird es nach wie vor in Stand-alone-Anwendungen geben, also dort, wo keine Anforderung für ein durchgängiges Konzept besteht. Im Bereich von CNC-Anwendungen ist dies z.B. in der Einzelfertigung der Fall. Konventionelle Robotersteuerungen wird man weiterhin dort einsetzen, wo bestehende Maschinen im Bereich des Handlings auf Vollautomation umgestellt werden müssen. Deshalb wird Mitsubishi Electric auch weiterhin den klassischen Systemaufbau bestehend aus Roboter und separater Robotersteuerung als erfolgreiches Standbein innerhalb des Produktportfolios anbieten
Papenfort: Wir gehen davon aus, dass mittelfristig auch Robotersteuerungen in das Twincat-System integriert werden können. Mit einer ausreichend schnellen – PC-basierten – CPU, einer offenen Software – wie Twincat –, einem schnellen Feldbus – wie Ethercat – und entsprechend schnellen I/Os lassen sich auch Roboter integrieren.
Sasse: Dedizierte Steuerungslösungen z.B. für Roboter werden noch eine Zeit lang am Markt präsent sein. Doch weitergehende Standardisierung und steigende Leistungsfähigkeit von funktionell integrierten Steuerungsplattformen werden den Insellösungen zunehmend ihren Stellenwert und Marktanteil zugunsten innovativer Lösungen wie Indramotion MLC streitig machen.
Schagginger: Der Trend zu den durchgängigen Plattformen wird im gesamten Maschinenbau spürbar sein. Während sogar allgemeine Werkzeugmaschinen betroffen sein werden, ist speziell bei den klassischen Bearbeitungszentren (CNC- Drehen/Fräsen/Bohren usw.) noch länger die Dominanz der Spezialsysteme zu erwarten. Verantwortlich dafür sind zum einen erwartete Akzeptanzprobleme beim Endkunden, zum anderen haben die etablierten Hersteller über die Jahre einen nur langsam aufholbaren Umfang an Sonderfunktionalität entwickelt. Ähnliches gilt in der Robotik: Linear-Handling, Portalsysteme oder Scara-Roboter sind bereits in neuen Steuerungssystemen eingebunden – der Highend-6-Achsen-Roboter wird noch vielfach als spezialisierte Lösung realisiert bleiben.
Schott: Die Antwort gibt die Anwendung. Solange die Applikation im Wesentlichen auf dem Zusammenspiel beruht, bietet die Integration von CNC- und Robotersteuerungen Vorteile. Tritt jedoch der SPS-Aspekt in den Hintergrund, so ist der Anwendernutzen fraglich. Ein Beispiel dafür ist Sinumerik, die als hochperformante CNC eine Simatic für die Bearbeitung von logischen Verknüpfungen nutzt. Entscheidend ist auch hierbei, dass der wesentliche Kundennutzen einer Steuerungsplattform in einem durchgängigen Engineering mit einheitlicher Bedienphilosophie sowie in einem durchgängigen Diagnosekonzept liegt. Die bloße Integration von Funktionen ergibt noch keine Plattform. Erst wenn alle Automatisierungskomponenten wie Steuerung, Numerik, HMI und Antriebe optimal zusammenarbeiten, sich ein sogenanntes „Plug and Play" ergibt, besteht ein realer Kundennutzen.
Wiechert: Es gibt zahlreiche Anwendungen in der Verpackungsindustrie oder aber auch in der Metallbearbeitung, wo einzelne Roboter zum Material- oder Werkstücktransport eingesetzt werden. Hier bietet sich der Einsatz eines homogenen Systems förmlich an. Im Moment wollen viele Roboter-Hersteller jedoch immer noch ihr komplettes System, bestehend aus Me-chanik und Steuerung, verkaufen und die Maschinenbauer tun sich schwer mit der Konstruktion von Roboter-Mechaniken. Wunsch und Wirklichkeit liegen also noch erheblich auseinander. Im Bereich Werkzeugmaschinen werden aus unserer Sicht auch weiterhin spezielle CNC-Steuerungen, z.B. maßgeschneidert für die Anwendungen Drehen oder Fräsen, zum Einsatz kommen. Yaskawa ist auch Marktführer im Bereich Robotik. Wir können uns zurzeit noch nicht vorstellen, z.B. homogene Systeme in Roboter-Schweiß-Straßen im Karosseriebau einzusetzen.
eA: In welchen Branchen bzw. Anwendungssegmenten wird sich das homogene Steuerungskonzept am schnellsten durchsetzen und welchen Anteil haben hier solche Systeme bereits heute?
Aschl: Das homogene Steuerungskonzept hat sich bereits ganz klar im Serienmaschinenbau durchgesetzt. Denn auch die sogenannten OEMs müssen immer flexibler und schneller auf den Markt reagieren. Somit ist es wichtig, dass ihnen ihr Automatisierungspartner vollintegrierte Lösungen mit flexibler Systemarchitektur bietet, wobei vor allem die Wiederverwendbarkeit der Software ein entscheidender Punkt ist. Die Entwicklungsplattform enthält sowohl die SPS- bzw. CNC-Aufgaben, die Konfiguration von Drives und Sicherheitstechnik sowie die Visualisierung, d.h. „only one Tool for your Automation" . Für den Kunden bedeutet das einerseits niedrigere Gesamtkosten und andererseits den Vorteil, dass er nur einen Ansprechpartner für alle Automatisierungsbelange hat.
Bachler: Jene Anwendungsbereiche, in denen eine optimale Lösung nicht durch ein reines Aneinanderstellen von einzelnen Maschinen erreicht werden kann. Durch die Mächtigkeit eines homogenen Steuerungskonzepts sind einige Branchen geradezu prädestiniert dafür. Genannt werden können an dieser Stelle beispielsweise die Verpackungsindustrie, Kunststoffindustrie, Papier- und Druckindustrie, Nahrungsmittelindustrie, Textilindustrie, Halbleiterin-dustrie, Glasbearbeitung sowie Wasser- und Brennschneiden.
Gunia: In der Automation von Produktionsmaschinen, wo Logik (SPS), Motion-Steuerungen (Motion Control, CNC etc.) und Visualisierung in Kombination vorkommen, setzen sich die Vorteile eines nahtlosen Steuerungskonzepts am schnellsten durch. Hier kann man seit Längerem eine zunehmende Akzeptanz der Sicherheit und Zuverlässigkeit von Industrie- PC-Lösungen wahrnehmen, die die technologische Basis der homogenen Steuerung sind.
Knauf: Für die Entwicklung des neuen Steuerungskonzepts waren die wachsenden Anforderungen der Hochtechnologiebranchen wie Automobilindustrie und Flachbildschirmherstellung die treibende Kraft. Das homogene Steuerungskonzept der iQ-Plattform ist damit perfekt auf komplexe Fertigungsprozesse zugeschnitten, um Produktionseffizienz und Produktqualität zu steigern und die Total Cost of Ownership (TCO) weiter zu reduzieren. Bisher ist der Anteil solcher Systeme eher noch gering, doch schon jetzt ist absehbar, dass die Nachfrage in den nächsten Jahren überproportional wachsen wird. Aufgrund des steigenden Kostendrucks und verkürzter Produktlebenszyklen werden sich insbesondere Unternehmen an vergleichsweise kostenintensiven Produktionsstandorten zwangsläufig damit beschäftigen müssen.
Papenfort: Bearbeitungszentren, die neben PLC und Motion Control auch noch Roboter integrieren, werden in Zukunft als erste von einem homogenen System profitieren. In diesen Fertigungsanlagen werden Teile von unterschiedlichen Werkzeugen bearbeitet, weitergereicht und mit Robotern umgestapelt. Hier ist eine homogene Lösung von großem Vorteil. Teileverfolgung, übergreifende Diagnose und einfaches Debugging über alle Anlagenteile hinweg werden möglich sein.
Sasse: Die Verwendung sämtlicher Technologien mit einem durchgängigen Steuerungssystem bietet sich insbesondere bei modularen und dezentral aufgebauten Automationslinien, aber auch in zentralen Steuerungstopologien z.B. mit angebun- denen Handhabungsrobotern an. Dieser Trend ist insbesondere im Segment von Verpackungsmaschinen zu beobachten, aber auch in anderen Branchen mit verketteten Produktionslinien bzw. hohen Anforderungen an zentrale Systemlösungen.
Schagginger: Eigentlich überall dort, wo Ablaufsteuerungen und Bewegungsrege-lungen (Motion, CNC etc.) zu einer Gesamtlösung integriert werden. Der klassische Maschinenbau ist hier sicher ebenso prädestiniert dafür wie die Automatisierung von ganzen Linien in der Factory Automa-tion. Im Maschinenbau herrscht derzeit der Trend vor, das Umfeld der Maschine (z.B. Zuführung, Handling, Palettierung, Verpa-ckung) mit in den Lieferumfang aufzunehmen. Echte Vorteile bringen hier homogene Steuerungslösungen – anstatt zu jeder solchen „Bestelloption" eine eigene Steuerung mit eigener Software zu spendieren, lässt sich die Aufgabe in Zukunft durch Konfiguration/Aktivierung eines Softwaremoduls abkürzen. Im Maschinenbau wird bei Anwendungen mit „Bewegung" der Anteil an homogenen Steuerungslösungen recht bald über 50 % steigen.
Schott: Die Vorteile eines homogenen Steuerungssystems sind branchenunabhängig. Sobald in einer Applikation mehrere Automatisierungskomponenten zum Einsatz kommen, treten die Vorteile von einheitlichem Engineering und durchgängiger Diagnose klar zu Tage. Der Kundennutzen einer Automatisierungsplattform steigt also mit der Komplexität der Applikation und ist nicht auf die einzelne Maschine beschränkt. Eine Automatisierungsplattform muss dem Endanwender die einfache Integration der Maschine in seinen Produktionsprozess ermöglichen. Deshalb ist TIA mehr als nur die funktionale Erweiterung einer klassischen Steuerung. Jeder Siemens-Kunde nutzt bereits heute von Simatic bis Sinumerik die Vorteile einer homogenen Automatisierungswelt auf Basis TIA.
Wiechert: Wir denken, dass sich homoge-ne Steuerungskonzepte am schnellsten im Umfeld von Verpackungsmaschinen, Werkzeugmaschinen und in der Solarzellen-Produktion durchsetzen werden. Die Anwendungssegmente liegen im Bereich Produkt-/ Material-Handling- und Werkstück-Zuführung. Yaskawa hat große Erfahrung auf den Gebieten SPS, Motion Control, CNC und Robotik. Wir beobachten aufmerksam die Entwicklung der homogenen Systeme und werden, eben aufgrund unserer großen Erfahrung, schnell auf geänderte Kundenwünsche reagieren.
zg
B&R (Hannover Messe: 15-C04) eA 437
Bachmann (9-F67) eA 438
Beckhoff (9-F06) eA 439
Lenze (14-H36) eA 440
Mitsubishi Electric (11-C47) eA 441
Rexroth (14-H06) eA 442
Siemens (9-A72) eA 443
Sigmatek eA 444
Yaskawa (9-F13) eA 445
die experten
· Franz Aschl, Management Verkauf & Entwicklung bei der Sigmatek GmbH & Co KG in Lam-prechtshausen/A ( www.sigmatek-automation.com )
· Dr. Gernot Bachler, Leiter Entwicklungsteam CNC Robotik der Ber-necker + Rainer Industrie-Elektronik Ges.m.b.H (B&R), Eggelsberg/A ( www.br-automation.com )
· Egbert Gunia, Geschäftsführer der Lenze Digitec Controls GmbH in Meerbusch ( www.lenze.de )
· Reiner Hänel, Senior Produktmanager Robotersysteme von Mitsubishi Electric Europe B.V. in Ratingen ( www.mitsubishi-automation.de )
· Stefan Knauf, Produktmanager Modulare Steuerungen von Mitsubishi Electric Europe B.V.
· Dr. Josef Papenfort, Produktmanager für Twincat bei der Beckhoff Automation GmbH in Verl ( www.beckhoff.de )
· Norbert Sasse, Produktmanager Motion Control der Bosch Rexroth AG in Lohr ( www.boschrexroth.com )
· Matthias Schagginger, Leiter Produktmanagement der Bachmann electronic GmbH in Feldkirch/A ( www.bachmann.info )
· Thomas Schott, Leiter Factory Automation der Siemens-Division Industry Automation in Nürnberg ( www.siemens.de/automatio n)
· Michael Wiechert, General Manager Motion + Control der Yaskawa Electric Europe GmbH in Schwalbach ( www.yaskawa.eu.com )
Ohne Titel
Nähere Informationen zu den im Experten-Interview befragten Unternhemen finden Sie nachfolgend verlinkt:
– Bernecker + Rainer Industrie-Elektronik (B&R)
eA-INFO-TIPP
Laut Norbert Sasse von Rexroth ist die „originäre NC-Programmierung nach DIN 66025 für Motion- und SPS-orientierte Anwender allerdings nicht unbedingt das richtige Medium". Einen kleinen Einblick in die Arbeit mit dieser Norm gewährt die folgende Website:
· www.cnc-tech.de/unterseiten/ grundlagen_der_ cncprogrammierung.htm
