Login
Die Kunden dabei unterstützen, schneller und einfacher ans Ziel zu kommen

Sicherheit ist mehr als ein Produkt

Harald Förster, Leiter Customer Support: „Sicherheit und Automation intelligent verzahnen
Harald Förster, Leiter Customer Support: „Sicherheit und Automation intelligent verzahnen"
Das Sicherheitskompendium hilft als Leitfaden Licht in den Dschungel zu bringen und bietet einen kompakten Überblick über die wesentlichen Änderungen der Maschinenrichtlinie und der darunter gelisteten Normen
Das Sicherheitskompendium hilft als Leitfaden Licht in den Dschungel zu bringen und bietet einen kompakten Überblick über die wesentlichen Änderungen der Maschinenrichtlinie und der darunter gelisteten Normen
Als Experte für die Sicherheit von Mensch, Maschine und Umwelt bietet Pilz weltweit kundenorientierte Lösungen für alle Industrien. Dazu gehören neben innovativen Produkten auch umfangreiche Dienstleistungen in den Bereichen Sicherheits- sowie Steuerungs- und Antriebstechnik. Welche Bedeutung der Bereich der Dienstleistung für das Unternehmen hat, erläutert Dipl. Ing. Harald Förster, Leiter Customer Support und Mitglied der Geschäftsleitung, im Gespräch mit elektro Automation.

Als Experte für die Sicherheit von Mensch, Maschine und Umwelt bietet Pilz weltweit kundenorientierte Lösungen für alle Industrien. Dazu gehören neben innovativen Produkten auch umfangreiche Dienstleistungen in den Bereichen Sicherheits- sowie Steuerungs- und Antriebstechnik. Welche Bedeutung der Bereich der Dienstleistung für das Unternehmen hat, erläutert Dipl. Ing. Harald Förster, Leiter Customer Support und Mitglied der Geschäftsleitung, im Gespräch mit elektro Automation.

elektro Automation: Herr Förster, Sicherheit ist mehr als ein Produkt. Was macht Pilz neben der Herstellung sicherheitstechnischer Geräte als Partner der Industrie so erfolgreich?

Förster: Das Unternehmen Pilz verfügt über jahrzehntelange Erfahrung auf dem Gebiet der Sicherheitstechnik. Seit der Gründung wurden immer wieder innovative Produkte entwickelt und in den Markt eingeführt. Auch innerhalb des Unternehmens haben wir sehr früh viele Themen der Sicherheitstechnik aufgegriffen und entsprechende Produkte entwickelt; wie das erste Not-Halt-Schaltgerät, das noch heute von großer Bedeutung ist. Mit diesen Innovationen haben wir es geschafft, innerhalb der Sicherheitstechnik markante Punkte zu setzen. Unsere Kompetenz drückt sich nicht nur in Produkten aus. Neben der Produktion sicherheitstechnischer Komponenten laufen sehr viele weitere Aktivitäten, die wesentlich zum Ruf von Pilz als Sicherheitsexperten beitragen.

So haben wir in den vergangenen 10 Jahren den Dienstleistungsbereich weiter ausgebaut. Wie bei der Standard-Automation wünschen die Kunden auch bei der Sicherheitstechnik zunehmend komplette Lösungen. Dem Bedarf haben wir mit dem Aufbau unseres Engineerings Rechnung getragen. Oft geht es um spezielle Lösungen. Darüber hinaus haben wir unsere Kunden schon immer beim Einsatz der Produkte beraten. Es hat sich gezeigt, dass sie beispielsweise mit der Anwendung der Maschinenrichtlinie oder der Betriebssicherheitsverordnung konkrete Probleme hatten, zu deren Lösung tiefgreifende Kenntnisse der Normen erforderlich sind. Rund um die Maschinenrichtlinie bieten wir deshalb seit Jahren Dienstleistungen an und möchten dem Kunden letztendlich die Möglichkeit geben, schneller und einfacher ans Ziel zu kommen. Das ist Teil unserer Expertise. Unsere Mitarbeiter arbeiten auch in den Normungsgremien mit, um den gewonnenen Know-how-Vorsprung an unsere Kunden weiterzugeben. So ist sichergestellt, dass unsere Lösungen auf Basis der geltenden Normen zukunftsfähig sind.

Pilz ist als akkredierte Inspektionsstelle zum Prüfen von Maschinen und Anlagen berechtigt. Dazu ist Pilz von der Deutschen Akkreditierungsstelle DAkkS der obersten, von der Regierung beauftragten Behörde akkreditiert, wie z.B. auch TÜV oder die Berufsgenossenschaften. In diesem Zusammenhang haben wir uns besonders mit dem Prüfen von Schutzeinrichtung an Maschinen und Anlagen beschäftigt und verfügen damit insbesondere bei Pressen- und Maschinennormen über die erforderliche Kompetenz. Wie bedeutend das ist, wird daran deutlich, dass diese Inspektionsstelle im Unternehmen direkt der Geschäftsleitung zugeordnet ist.

elektro Automation: Mit welchen aktuellen Herausforderungen auch bezgl. Maschinensicherheit werden die Maschinen- und Anlagenbauer in der täglichen Praxis konfrontiert?

Förster: Viele Maschinen- und Anlagenbauer beschäftigen sich aktuell mit der Umstellung der Normenlandschaft. Die EN 954-1 läuft aus, die EN ISO 13849-1 ist da. Die EN ISO 13849 erfordert die Betrachtung der gesamten Sicherheitsfunktion vom Sensor über die Logik zum Aktor. Dies ist für viele noch Neuland und muss sich erst in den Prozessen wieder finden. Es zeigt sich auch, dass durch die Beschäftigung mit Normen wie der EN ISO 13849 eine Analyse des gesamten Entwicklungsprozesses stattfindet. Die Orientierung der Entwicklungsprozesse anhand des V-Modells aus der IEC DIN EN 61508, auf die sich die EN ISO 13849 häufig bezieht, stellt Spezifikationen und Design in den Vordergrund. Ziel muss es sein, die Prozesse in Schritte zu strukturieren und mehr Aufwand beim Design zu betreiben, um letztendlich bei der Realisierung davon zu profitieren. Die Anwender denken langsam um und erkennen, dass es für Innovation und Standortsicherung wichtig ist, schon in der Designphase mehr Aufwand zu betreiben. Viele Anwender sind es bisher nicht gewohnt, beispielsweise parallele Tests einzuführen. Bei Pilz selbst hat die Einführung der IEC DIN EN 61508 die Prozesse innerhalb des Entwicklungsbereiches maßgeblich beeinflusst und die gewonnen Erfahrungen wurden auch auf die eigenen Dienstleistungsbereiche übertragen. Heute wickeln wir deshalb unsere Engineering-Projekte nach dem V-Modell ab.

elektro Automation: Über die neue Maschinenrichtlinie wird bereits seit längerem diskutiert. Wieweit ist in der Industrie das Bewusstsein für die Thematik entwickelt und wieweit sind die Unternehmen tatsächlich mit der Umsetzung der Maschinenrichtlinie?

Förster: In der Vergangenheit haben die Maschinenbauer gut mit der EN 954 gelebt. Im Detail war ihre Anwendung nicht immer optimal. Die Sicherheit stand nicht immer an erster Stelle. Das hat sich bis heute jedoch grundlegend geändert. Das sehen wir auch an unseren Seminaren. Tausende Teilnehmer pro Jahr zeigen Interesse an der Thematik; letztlich ausgelöst durch die Diskussionen um die neuen Normen. Viele Anwender sind nun bereit, entsprechend zu investieren und ihr Denken umzustellen. Heute sind Maschinenbauer und Betreiber von Maschinen und Anlagen gleichermaßen in den Seminaren vertreten und nun auch bereit, in die Sicherheit zu investieren.

elektro Automation: Besteht weiterhin Informationsbedarf zu diesem komplexen Thema? Maschinenrichtlinie, ISO- und IEC-Normen sowie CE-Kennzeichnung – noch immer geht so manches durcheinander.

Förster: Die Maschinenrichtlinie ist eine europäische Richtlinie, die in jedem Land der EU in geltendes Landesrecht umgesetzt werden muss. Die Betriebssicherheitsverordnung ist ebenfalls durch eine europäische Richtlinie in nationales Recht umgesetzt und somit ein deutsches Gesetz. Normen und Standards sind prinzipiell Vorschläge, die den Anwender unterstützen die Gesetzte einzuhalten. In der neuen Maschinenrichtlinie sind die zu beachtenden Normen und Standards gelistet, über die sog. „ Vermutungswirkung" kann dann z.B. der Maschinenbauer davon ausgehen, die Richtlinie zu erfüllen, wenn die gelisteten Standards eingehalten wurden. Das vorrangige Ziel der Maschinenrichtlinie ist es, die grundlegenden Sicherheitsanforderungen zu erfüllen. Mit dem CE-Kennzeichen macht der Hersteller in eigener Verantwortung deutlich, dass er die Anforderungen und die geltenden Gesetze erfüllt. Ziel der Maschinenrichtlinie ist es damit auch, von einer ständigen Überwachung weg zu kommen und die Eigenverantwortung der Hersteller zu fördern. Dies vermitteln wir auch in unseren Schulungen.

elektro Automation: Eine umfassende Produktpalette ist die eine Seite, was umfasst genau das Dienstleistungsangebot von Pilz?

Förster: Das Dienstleistungsangebot umfasst die Bereiche Consulting, Engineering und Training. Neben den Produkttrainings bieten wir Seminare zu allen aktuellen Themen und sicherheitstechnischen Fragestellungen. Speziell für Betreiber von Maschinen und Anlagen sowie für Mitarbeiter im Maschinenbau bieten wir eine Zertifizierung zum Maschinensicherheitsexperten. Die mehrtägigen Seminare haben wir gemeinsam mit dem TÜV Nord entwickelt. Nach erfolgreicher Prüfung erhalten die Teilnehmer ein Zertifikat, in denen ihnen ausführliche Kenntnisse über die Sicherheitsanforderungen der produktionstechnischen Prozesse bescheinigt werden. Behandelt werden die Anforderungen an die Steuerungen, die Mechanik sowie die Pneumatik über die gesamte Maschine und Anlage und deren Lebensdauer. Im Bereich Engineering versteht sich Pilz als Ingenieurbüro, ein Dienstleister, der im Kundenauftrag Anlagen sicherheitstechnisch ausstattet. Wir erstellen die Spezifikationen, wir konstruieren und legen die Sicherheitsanforderungen fest. Am Ende kommt ein Schaltplan, eine Software oder ein Schaltschrank heraus und oft folgt eine Inbetriebnahme; und das alles aus einer Hand. Consulting ist das dritte Standbein. Dort bieten wir Unterstützung für die Anwendung von Richtlinien und Standards. Wir beurteilen die Gefährdungen, die von einer Maschine ausgehen können, erstellen die erforderlichen Dokumentationen und schätzen den Risikolevel ab. Dann diskutieren wir mit dem Kunden über geeignete Maßnahmen, beispielweise mechanische oder steuerungstechnische Lösungen.

Wir unterstützen viele Industrieunternehmen bei der CE-Kennzeichnung und bei der Einführung Umsetzung der Betriebssicherheitsverordnung. Vor allem bei den Betreibern ist das Bewusstsein gestiegen, dass sie für die Sicherheit der Menschen verantwortlich sind, die an ihren Maschinen arbeiten. Das Bewusstsein, dass ein Betreiber oder ein Maschinenbauer nur erfolgreich sein kann, wenn sich die Mitarbeiter an der Maschine sicher fühlen, ist verbreitet. Sicherheit wird heute nicht mehr nur als Kostenfaktor gesehen. Das Wissen um die Bedeutung der neuen Maschinenrichtlinie und die damit verbunden Anforderungen ist präsent. Die Maschinenbauer werden ihrer Verantwortung heute durchaus gerecht.

elektro Automation: Welche Unterstützung können Sie den Betreibern älterer Anlagen bieten? Was nutzen Sicherheitsüberprüfungen oder die Analyse bestehender Maschinenparks?

Förster: Beim Retrofit von Maschinen zum Beispiel bleibt die Maschine, also das Metall, bestehen, die Steuerung wird jedoch erneuert, es ist zu prüfen ob dadurch Veränderungen stattfinden, welche die Sicherheit der Maschine beeinflussen. Werden Einzelmaschinen zu komplexen Anlagen verkettet, muss darauf geachtet werden, dass dadurch keine zusätzlichen Sicherheitsrisiken entstehen, die Frage, ob die CE-Kennzeichnung für die Gesamtverkettung noch gültig ist, muss beantwortet werden. Damit ein Betreiber sich einen Überblick über das Sicherheitsniveau seines Maschinenparks machen kann, bieten wir die Dienstleistung Plant Assessment. Bei diesem Plant-Assessment stellen wir fest, ob der Kunde Probleme mit der Sicherheit hat. Darüber erarbeiten wir eine erste Dokumentation. Stellt sich dabei heraus, dass Notwendigkeit zum Handeln besteht, analysieren wir weiter im Detail. Schließlich folgt das Engineering, an dessen Ende eine fertige Lösung steht, wobei auch Mechanik und Antriebstechnik berücksichtigt werden. Auf der Produktebene bieten wir für den Ersatz sicherheitsgerichteter mechanischer Nockenschaltwerke an alten Pressen seit kurzem eine elektronische Lösung an, die in Kombination mit einem Frequenzumrichter nun variable Hubzahlen ermöglicht. Dennoch stellt sie sicher, dass die Pressen immer im oberen Totpunkt stoppen und keine Gefahr für den Bediener darstellen. So lassen sich mit dieser Lösung Produktivität und Flexibilität steigern ohne die Sicherheit zu vernachlässigen.

elektro Automation: All das sind kostenintensive Maßnahmen, worin besteht letztendlich der Nutzen einer sicherheitstechnischen Gesamtbetrachtung?

Förster: Wer in Sicherheit investiert, profitiert letztendlich auch wirtschaftlich. Langfristig hat ein Maschinenbauer nur dann Erfolg, wenn er die Sicherheit seiner Maschinen auch nachweisen kann. Unfälle und Schäden durch unsichere oder gefährliche Arbeitsplätze führen zu Imageverlusten bei Kunden, Mitarbeitern und in der Öffentlichkeit. Hinzu kommt die Haftungsfrage. Langfristig werden sich deshalb die Unternehmen durchsetzen, die zeigen können, welchen Aufwand sie für die Sicherheit getrieben haben. So ist Sicherheitstechnik heute auch ein Marketing-Instrument. Sie muss allerdings so integriert sein, dass sie den eigentlichen Produktionsprozess nicht behindert. Wir reden heute von dynamischer Sicherheitstechnik, in der die technische Lösung der Situation angemessen reagiert. Integrierte Sicherheitstechnik gewährleistet bspw. eine höhere Verfügbarkeit von Maschinen und Anlagen und damit ein Mehr an Wirtschaftlichkeit.

elektro Automation: Wie ist der Bereich Dienstleistung in die Unternehmens-Struktur bei Pilz eingebunden, wie ist er personell ausgestattet und welche Bedeutung hat die Dienstleistung international?

Förster: Die Dienstleitung ist zwischenzeitlich ein wichtiges Standbein von Pilz.Um das Wachstum stemmen zu können, haben wir ein internationales Business Development Team eingesetzt. Es sorgt dafür, dass unsere Unternehmensphilosophie weltweit von allen Verkaufs- und Applikationsingenieuren in jedem Tochterunternehmen auf demselben hohen Niveau umgesetzt wird. Potenzial besteht dabei nicht nur rund um die eigentliche Sicherheit, sondern wir werden künftig auch die vollständige Integration der Sicherheit in die Automatisierung intensiv betreiben. Beides lässt sich längst nicht mehr trennen, die Bereiche müssen vielmehr intelligent verzahnt werden, um zu einer optimalen Lösung zu kommen.

23.03.2011


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe