EN 954-1 länger gültig - und nun?
Zwar ist die neue Maschinenrichtlinie 2006/42/EG Ende 2009 planmäßig in Kraft getreten, die Unsicherheit bei der praktischen Umsetzung dürfte allerdings aufgrund der bis Ende 2011 verlängerten Vermutungswirkung der bisherigen Norm EN 954-1 eher noch gewachsen sein. Experte Matthias Wimmer von Pilz ( www. pilz.com) erläutert daher im Interview mit der Redaktion, was diese neue Dead- line tatsächlich für den Maschinen- und Anlagenbauer bedeutet.
elektro Automation: Herr Wimmer, beibt nach der Verlängerung der Vermutungswirkung der EN 954-1 um zwei Jahre nun alles beim Alten oder sind aktuell doch schon Änderungen aufgrund der neuen Maschinenrichtlinie zu beachten?
Wimmer: Die Verlängerung der Vermutungswirkung für die EN 954-1 ist losgelöst von der Maschinenrichtlinie zu sehen, die wie geplant am 29.12.2009 in Kraft getreten ist. Die neuen Anforderungen an die Verfahren der Risikoanalyse und der Konformitätsbewertung sowie an Sicherheitssysteme sind ab sofort zu erfüllen. Durch die verlängerte Übergangsfrist für die EN 954-1 kann diese noch weitere zwei Jahre bis 31.12.2011 parallel zur EN ISO 13849-1 angewendet werden, um die Konformitätsvermutung nach der Maschinenrichtlinie zu erreichen.
elektro Automation: Gibt es Argumente, um unabhängig von der verlängerten Vermu-tungswirkung bereits jetzt konsequent die Normen EN ISO 13849-1 bzw. EN/IEC 62061 anzuwenden?
Wimmer: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Allem voran ist fraglich, inwieweit die EN 954-1 den heute möglichen Stand der Technik im Bereich des Sicherheitsdesigns von Maschinen abbilden kann. Es fehlt auch die statistische Betrachtung, sodass keine Aussagen über das zeitliche Verhalten der verwende- ten Komponenten möglich sind. Weiterhin verweisen bereits viele der unter der aktuellen Maschinenrichtlinie gelisteten C-Normen auf EN ISO 13849-1 bzw. EN/IEC 62061. Für diese würde dann die Anwendung der EN 954-1 keine unmittelbare Konformitätsvermutung mehr auslösen, sodass Maschinenhersteller, die sich strikt an C-Normen orientieren möchten, die EN ISO 13849-1 anwenden müssen. Auch besteht die Möglichkeit, dass Betreiber von Maschinen aus Gründen der Zukunftssicherheit im Lastenheft die Anwendung der neuen Normen einfordern. Insbesondere international agierende Maschinenhersteller sollten beachten, dass die EN 954-1, wenn auch weltweit bekannt, einen kleineren Bekanntheitsgrad als die DIN EN ISO 13849 besitzt.
elektro Automation: Der Normumstellung haftet das Image „großer Aufwand, höhere Kosten" an. Stimmt das oder gibt es bei der Realisierung der Maschinensicherheit auch Vorteile hinsichtlich Aufwand, Kosten bzw. Funktionalität?
Wimmer: Mit der Normenum-stellung ist sicherlich ein gewisser Aufwand verbunden, für Hersteller und Betreiber von Maschinen gleichermaßen. Insgesamt gesehen sind die neuen Normen aber sehr nützlich. Sie erfassen alle neuen Technologien und programmierbaren Systeme sowie deren Software. Sie ermöglichen so flexible, modulare Systeme. Hinzu kommt die Berücksichtigung der Tatsache, dass Komponenten altern und irgendwann alterungsbe-dingt ausfallen können. Wie bei allem Neuen muss man sich damit auseinandersetzen, um auch die Chancen zu erkennen. Hersteller, die dies tun, haben dann auch mehr gestalterische Möglichkeiten in der Konstruktion und gegebenenfalls auch einen Wettbewerbsvorteil. Auch Endanwender haben eine Vorsorgepflicht gegenüber ihren Mitarbeitern. Sie müssen auch in ferner Zukunft einen sicheren Arbeitsplatz garantieren und bevorzugen damit oft Maschinen, die nach der neuen Norm gebaut sind. Den etwaigen höheren Kosten steht also ein großer Nutzeffekt entgegen.
elektro Automation: Nach wie vor herrscht in der Praxis oft noch Unsicherheit bzgl. der neuen Maschinenrichtlinie. Welche Praxishilfen und Informationsmöglichkeiten empfehlen Sie hier?
Wimmer: Es gilt, sich über die Änderungen im Zuge der neuen Maschinenrichtlinie sowie über die Anwendung der neuen Normen zu informieren. Sinnvoll kann in diesem Zusammenhang der Besuch von entsprechenden Schulungen oder Seminaren sein, wie sie auch das Unternehmen Pilz schon seit Jahren anbietet. Hier wird der neue Ansatz praxisnah vorgestellt und die Vorgehensweise an Best-Practice-Beispielen gezeigt. Eine gute Informationsmöglichkeit bietet zudem der von der Messe Stuttgart, der Konradin Mediengruppe und Pilz veranstaltete Konstrukteurstag Sicherheit + Automation am 9. März 2010 in Stuttgart (s. S. 9 und www.si-cherheitundautomation.de ). Mit unserem Safety Calculator Pascal lassen sich die Sicherheitslevels von Sicherheitsfunktionen einfach bestimmen. Das Software-Tool berechnet den erreichbaren PL (Performance Level) bzw. SIL (Safety Integrity Level) von Sicherheitsfunktionen in Maschinen und Anlagen abhängig von den verwendeten Komponenten. Das Ergebnis wird mit den entsprechenden Methoden nach DIN EN ISO 13849-1 bzw. SIL nach EN/IEC 62061 verifiziert und eventueller Handlungsbedarf aufgezeigt. Die Sicherheitsberechnungen werden damit deutlich einfacher. Sollte das nicht reichen oder auch der Aufwand des selber Lernens zu groß sein, besteht zudem die Möglichkeit, Pilz als Dienstleister und Entwicklungspartner mit ins Boot zu holen. So kann Pilz Unterstützung bei Anwendung und Nachweis der neuen Normen bieten, was Anwendern die Sicherheit gibt, dass ihre Projekte normenkonform realisiert wurden.
